Als ich vor zwei Jahren In einem Monat, in einem Jahr von Françoise Sagan gelesen habe, war mir klar, dass das nicht das letzte Buch der Autorin war, dass ich mir zu Gemüte führen würde. Bonjour tristesse lag als bekanntestes ihrer Werke als nachfolgende Lektüre recht nahe, gab es damals allerdings nur in einer nicht gerade ansprechenden Ausgabe. Irgendwie war mein Stapel ungelesener Bücher auch so hoch, dass ich Sagan dann doch wieder aus den Augen verloren habe. Bis ich dieses Jahr dann auf die Neuauflage vom Ullstein Verlag aufmerksam geworden bin. Ich konnte nicht widerstehen und musste mir das Buch einfach holen, zumal es mit seinen 176 Seiten nur einen Leseabend in Anspruch nimmt.

Das Buch handelt von der jungen Cécile, die nach einem langen Internataufenthalt zu ihrem verwitweten Vater nach Paris kommt. Dieser ist ein Frauenheld in den mittleren Jahren, der in der Pariser Gesellschaft ein leichtes und freizügiges Leben führt und auch seine Tochter dort einführt. Die Geschichte beginnt damit, dass Cécile zusammen mit ihrem Vater und seiner derzeitigen Geliebten eine Ferienvilla an der Côte d’Azur bezieht, um dort in gewohnter Leichtigkeit eine entspannte Zeit zu verbringen. Doch dann kommt Anne, eine scharfsinnige, attraktive und aufgeräumte Frau. Cécile sieht die entspannte und schöne Zeit mit ihrem Vater in Gefahr und beginnt einen intriganten Plan zu spinnen.

Es wird aus Céciles Sicht in der Ich-Form erzählt und das Buch liest sich sehr angenehm und schnell. Man ist rasch in der Gedankenwelt und Geschichte der Protagonistin gefangen und es fiel mir leicht nach wenigen Seiten ihre Sichtweise einzunehmen. Sagan schreibt auf eine ganz leichte Weise, die aber dennoch viel Tiefe hat. Die Figuren erscheinen real und facettenreich und so wie sie ihre Protagonistin, aber auch ihren Vater oder seine weiblichen Bekanntschaften schildert, hat man das Gefühl, einen Spielfilm aus den 50ern anzusehen. Die Dialoge, aber auch die Beschreibung der Reaktion und Körpersprache der Figuren haben mir sehr gut gefallen.

„Als sein Mund meinen suchte, begann ich vor Lust zu zittern wie er, unser Kuss war ohne Reue noch Scham, nur ein tiefes, von Geflüster unterbrochenes Suchen.“ (S. 33)

Die Schauplätze, wie die Villa oder der schönen Strand am Mittelmeer der Côte d’Azur, haben in mir diese ganz typische Stimmung dieser Region hervorgerufen und mich stark an andere Romane erinnert, die an der französischen Südküste spielen. Auch dieser ausgelassene Lifestyle, den Partys und vielen Stunden an den Bars wecken stark die Erinnerung an die Romane über die Lost Generation, wie sie beispielsweise auch in Villa America heraufbeschworen werden. Zusammen mit den gelungenen Dialogen und den treffenden Charakterisierungen der Figuren entsteht hier eine ganz dichte Atmosphäre. Auch die Bücher von Alfred Hayes haben diesen ganz eigenen verrauchte Blues, der den 50ern anhaftet, auch wenn meine Vorstellung davon etwas zu romantisch ist und wohl nicht ganz der Wahrheit entspricht.

Ich hatte wieder einen sehr reduzierten Erzählstil erwartet, wie man sie bei den existentialistisch geprägten Autoren der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts oft antrifft und die auch in In einem Monat, in einem Jahr vorherrschend war. Doch dieser Roman ist von seiner Sprache her ungekünstelt und von den Beschreibungen der Charaktere habe ich ihn angenehm ausführlich empfunden. Dabei schafft es Sagan sehr treffende, bildhafte und fokussierte Formulierungen zu finden, die zwar mit wenigen Sätzen auskommen, aber doch viel Ausdruck haben. Über den Verlauf des Romans entsteht in Summe doch ein recht detailliertes Bild der einzelnen Charaktere.

„Wie reizvoll erschienen mir plötzlich die zwei fröhlichen, sprunghaften Jahre, die hinter mir lagen, diese beiden Jahre, die ich neulich so schnell verleugnet hatte. Die Freiheit des Denkens, auch mal das Falsche zu denken oder weniger zu denken, die Freiheit, selbst sein Leben zu wählen, mich selbst zu wählen. Ich kann nicht sagen, ‚ich selbst zu sein‘, da ich nichts anderes war als ein modellierbarer Teig, aber doch die Freiheit, sich einer Backform zu verweigern.“ (S. 67)

Was für mich dieses Buch zu einem wirklich gelungenen Meisterwerk macht, ist das vielschichtige, detailreiche und widersprüchliche Wesen, das Sagan hier mit Céciles zum Leben erweckt. Sicher ist dort auch einiges von der Autorin selbst in ihrer Protagonistin zu finden. Aber sie ist eben ein richtiger Teenager, mit all den Zweifeln, der Unsicherheit über das eigene Wesen und Denken, voller Bewunderung und zugleich Abscheu gegenüber den Mitmenschen und der Umwelt. Anschmiegsam und garstig zugleich, zynisch und kühl, unsicher und gleichzeitig selbstsicher, mit der beständigen Gewissheit, dass ein Leben mit allen Möglichkeiten noch vor ihr liegt. Das wird in dem Buch richtig greifbar, genauso wie der starke Einfluss der zwei locker gelebten Jahre in der Gesellschaft abgebrühter Lebemenschen, in der Céciles und ihr Vater sich bewegen, und so den Charakter des jungen Mädchens stark geprägt haben.

Françoise Sagan war selbst erst 18 Jahre alt, als sie dieses Buch in nur wenigen Wochen schrieb und 1954 veröffentlichte. Ihr Debüt brachte ihr viel Ruhm und Geld ein, aber gleichzeitig hatte sie scheinbar ein bewegtes Leben mit vielen Rückschlägen, Drogen, Autounfall, gescheiterten Ehen und anderen Eskapaden. Zahlreiche Romane und Theaterstücke hat sie verfasst und Bonjour tristesse wurde zudem verfilmt. Für mich ist auf jeden Fall klar, dass ich von der Autorin noch das ein oder andere Buch lesen werde.

Die Ausgabe selbst gefällt mir sehr gut. Das Cover ist zwar eher Durchschnitt, da hätte ich mir eher etwas gewünscht, dass den Flair der 50er und der Côte d’Azur ausstrahlt. Das Buch selbst ist aber ordentlich verarbeitet, hat eine sehr schicke Prägung auf den Buchdeckel und konnte mich dem schönen farbigen Lesebändchen durchaus begeistern, da es wunderbar mit dem Vorsatzpapier und der dunklen Farbe des Buches, aber auch dem Schutzumschlag kontrastiert. Ich bin sehr froh, dass ich damals nicht nach einem der ranzigen Taschenbuchausgaben gegriffen habe, sondern auf diese schöne Ausgabe gewartet habe.

Was mich hingegen gar nicht begeistern konnte, ist das Nachwort, das mir zu stark feministisch und emotional gefärbt ist. Hier hätte ich mir mehr Informationen zu Sagan, ihrem Leben und der Erstausgabe selbst gewünscht. Ein Nachwort sollte eher sachlich sein und dafür war es, mit seinen vielen Seitenhieben, aber auch mit dem starken Fokus auf die skandalöse Wirkung des Werkes bezogen auf das Frauenbild der 50er, zu stark auf die Feminismusdebatte ausgerichtet. Natürlich ist das ein bedeutendes Thema, aber die Unsicherheit eines Teenagers, die wunderbare Charakterisierung der Figuren, die treffenden und tiefgründigen Aussagen, das Bild der Gesellschaft der damaligen Zeit, all das macht in Summe dieses wunderbare Buch aus. Besonders wenn man es im Kontext der aktuellen Zeit liest.

Fazit: Dieses Buch rangiert für mich im Premiumbereich und ist zu Recht ein Bestseller geworden. Die leichte und unterhaltsame Art in der Sagan schreibt, aber gleichzeitig diese treffende und wunderbare Schilderung ihrer Figuren, diese ganze dichte Stimmung die sie hervorruft, aber auch die interessanten Dialoge, diese völlig unstereotypen und real wirkende Charaktere, machen die Lektüre zu einen Genuss. Diese schöne Neuauflage ist definitiv eine Empfehlung und mit seiner ganz eigenen Atmosphäre, welche die Côte d’Azur der 50er Jahre in Romanen immer verströmt, ist es ein perfekter Lesetipp für einen Tag am Strand. Ein Buch, dass ich absolut empfehlen kann.

Über das Buch

Titel: Bonjour tristesse
Autor: Françoise Sagan
Verlag: Ullstein Hardcover
Übersetzung: Rainer Moritz
Erschienen: 11. August 2017
Erstveröffentlichung: 1954
Seiten: 176 Seiten

Klappentext anzeigen
Françoise Sagan war erst 19, als sie mit „Bonjour tristesse“ die Welt eroberte. Ihr Roman wurde in dutzende Sprachen übersetzt, millionenfach verkauft und verfilmt. Mit großer Treffsicherheit beschreibt sie darin die Befindlichkeiten ihrer jugendlichen Hauptfigur: Cécile ist ein launischer Teenager, scharfsinnig, egoistisch, manipulativ – und dazu verdammt, den Sommer mit ihrem eitlen Vater und seiner jungen, etwas einfältigen Geliebten Elsa in einem Haus an der Côte d’Azur zu verbringen. Zunächst jedoch gelingt es Cécile, die Erwachsenen gegeneinander auszuspielen und den Aufenthalt nach ihrem Geschmack zu gestalten: in herrlicher Leichtigkeit und Freizügigkeit. Bis plötzlich die kluge Anne auftaucht, eine Freundin ihrer verstorbenen Mutter, und die sommerliche Idylle mit erzieherischer Strenge zu zerstören droht. Als der Vater Elsa verlässt und Anne heiraten will, schmiedet Cécile einen Plan – mit tragischen Konsequenzen

    10 Kommentare

  1. Grete Otto 29. Dezember 2017 at 11:07 Antworten

    Hallo Tobi,
    vielen Dank für diese gut geschriebene Rezension des Buchklassikers, der -zumindest mir- Anregung ist, dieses Buch zu lesen. Ich finde es gut, daß Du nicht nur Neuerscheinungen besprichst, sondern auch Klassiker wie diesen. Ich freue mich auf den nächsten Beitrag.

    • Tobi 30. Dezember 2017 at 21:53 Antworten

      Liebe Grete,

      vielen Dank für Dein Kommentar. Es freut mich, dass ich Dich von dem Buch überzeugen konnte, denn es ist wirklich sehr gut. Abseits der prominent beworbenen Bücher gibt es eine ganze Menge zu entdecken, da wirst du hier immer wieder ein paar Geheimtipps finden. Diese Ausgabe von „Bonjour tristesse“ ist allerdings eine Neuauflage, also auch ein bisschen eine Neuerscheinung 😉

      Liebe Grüße
      Tobi

  2. Leselaunen 29. Dezember 2017 at 17:36 Antworten

    Bonjour Tristesse – unbedingt will ich das Buch noch lesen. Schöne Erinnerung daran!

    Neri, Leselaunen

    • Tobi 30. Dezember 2017 at 21:53 Antworten

      Liebe Neri,

      das Buch ist echt schnell gelesen, zöger nicht einen Abend dafür zu investieren. Dass ist es auf jeden Fall wert und so schrumpft der SuB ziemlich schnell 😉

      Liebe Grüße
      Tobi

  3. Daniela 29. Dezember 2017 at 19:56 Antworten

    Hallo Tobias,

    deine Rezension ist wirklich sehr gut geschrieben. Ich bin aber beim Lesen hin und her geschwankt, ob das Buch was für mich wär. Am Schluß bin ich zu dem Schluß gekommen: Ja!

    Grüße,
    Daniela

    • Tobi 30. Dezember 2017 at 21:56 Antworten

      Liebe Daniela,

      das kenn ich, so geht es mir auch oft, wenn ich einen Buchtipp lese und vorher unsicher bin. Aber ich kann Dir sagen, dass sich die Lektüre lohnt. Und bei so wenig Seiten kann man schwer daneben greifen. Oft muss man aber auch für ein bestimmtes Thema oder Setting in der richtigen Stimmung sein.

      Es freut mich auf jeden Fall, dass ich Dich überzeugen konnte. Aber das Buch ist auch wirklich gut!

      Liebe Grüße
      Tobi

  4. huebi 30. Dezember 2017 at 11:56 Antworten

    Moin,

    da fragt man sich, was der Tobi über Weihnachten lesetechnisch so „verbrochen“ hat. Nachdem das letzte Buch -die Literaturübersich -(natürlich) nicht als EBook erhältlich ist habe ich mir 100 Seiten Shakespeare angetan. Das Buch heisst wirklich so und von Shakespeare habe ich dann nochmals die eine odr ondere Komödie gelesen. Was aber wird es bei den lesestunden geben? Hat er sich de Heenholzkrone Teil 2 angetan? Ich gestehe, ich hab Tel 1 noch immer auf dem SuB und Teil 2 liegt da jetzt auch drauf.
    Und dann kommt ein französisches Werk, aber überraschend aus einer ganz anderen Epoche. Ausgehend von deiner 5-Sterne Begesterung und da das Buch nicht wirklich umfangreich ist werde ich es mal ganz oben auf dem SuB ablegen. Sagan war nämlich noch gar ncht auf meinem Radar, aus dieser Literaturepoche habe ich bisher eigentlich nur amerikanische Schriftsteller gelesen. Ausnahme war bisher Anais Nin.
    Von daher wünsche ich dir einen Guten Rutsch und hoffe auf viele weitere Rezensionen von dir, die zumindest mich immer wieder von meinen eingetretenen Pfaden abbringen in andere schöne Ecken der Literatur.

    //Huebi

    • Tobi 30. Dezember 2017 at 22:02 Antworten

      Lieber Huebi,

      ich blogge ja nicht über jedes Buch, aber aktuell lese ich wieder einen hervorragenden Geheimtipp. Darüber werde ich auf jeden Fall schreiben. Und sonst waren die letzten Wochen stark fantasy-lastig. Den zweite Teil von der Hexenholzkrone hab ich schon kurz nach dem Erscheinen gelesen. Bei Tad Williams kann ich nicht lange widerstehen 😉

      Shakespeare habe ich aktuell gar nicht in der Queue. Wobei ich aktuell echt rigoros bin und mir fast keine Bücher kaufe. Weihnachten hat meinen SuB nochmal gut erhöht, aber sonst habe ich mit Ausnahme von vier Titeln auch keine Wunschliste mehr.

      Ich bin gespannt, wie dir Sagan zusagt. So richtig mein Beuteschema ist es ja nicht, wobei was ist das schon. Wenn ich so schaue, was ich im letzten Jahr gelesen habe, dann ist das echt ein ziemlicher Mix.

      Ich wünsche Dir auch einen guten Rutsch und ein schönes neues Jahr. Es freut mich sehr, dass ich Dich zu neuen Büchern inspirieren kann und natürlich geht es nächstes Jahr wieder weiter. Der Hanser Verlag hat beispielsweise wieder zwei sehr geniale Titel in der Vorschau.

      Liebe Grüße
      Tobi

  5. Petra 30. Dezember 2017 at 19:46 Antworten

    Hey Tobi!
    Danke für die tolle Rezension. Auch die Fotos sind wieder klasse! Ich habe das Buch auch hier und es wird auch definitiv Anfang des neuen Jahres gelesen werden!
    Liebe Grüße und einen guten Rutsch ins neue Jahr 2018 von Petra

    • Tobi 30. Dezember 2017 at 22:04 Antworten

      Liebe Petra,

      herzlichen Dank für das Lob. Wenn das Buch schon auf deinem SuB ist, dann leg es gleich ganz nach oben. Es ist wirklich wunderbar und ja nur ein kurzes Intermezzo 😉

      Liebe Grüße, einen guten Rutsch und ein schönes neues Lesejahr
      Tobi

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