Seit ich mein erstes Buch von Henry James, Die Gesandten gelesen habe, bin ich irgendwie immer wieder auf den amerikanisch-britischen Autoren zurück gekommen und ohne mir darüber bewusst zu sein, habe ich seit diesem ersten Buch immer wieder etwas von ihm gelesen. Wahrscheinlich liegt es an seinem Stil, der unaufgeregt und entspannt ist. Ein Roman von Balzac knallt einfach rein, das ist wie eine Bombe, die explodiert. Henry James hingegen ist zurückhalten, gediegen, ganz entspannt und kommt ohne steile Spannungskurve aus. Dennoch liebe ich seine Bücher, denn in den feinsinnigen Beobachtungen und den wunderbaren Dialogen, finden sich so viele subtile, ganz menschliche Eigenheiten, die zu lesen ein richtig großes Vergnügen ist. Seine Novelle Daisy Miller ist 25 Jahre vor Die Gesandten entstanden und nachdem ich schon mehrmals über das Buch gestolpert bin und sie zu seinen bekannteren Werken zählt, war ich gespannt wie sie wohl ist.

Vor gar nicht langer Zeit habe ich bereits Vier Begegnungen von Henry James vorgestellt. Die Erzählung Pandora darin hat mir besonders gut gefallen, denn seine Frauenfiguren sind besonders faszinierend. Daisy Miller ähnelt Pandora von dem Aufbau und dem Inhalt sehr stark und handelt ebenfalls von einer jungen Amerikanerin. Daisy Miller ist mit ihrer Mutter und ihrem kleinen Bruder auf Europareise. Der Amerikaner Frederick Winterbourne, der selbst schon länger in der Schweiz lebt, lernt sie in einem Kurort kennen und knüpft mit ihr eine nähere Bekanntschaft an. Auch in diesem Buch geht es wieder um die kulturellen Unterschiede zwischen dem neuen Amerika und dem alten Europa. Und auch hier ist der Protagonist Winterbourne nicht mit dem Blick für das Wesen von Daisy Miller ausgestattet und schafft es nicht die Situation zu überblicken. Der Leser lernt Daisy nach und nach aus Winterbournes subjektiven Eindrücken kennen und muss sich selbst aus den Begegnungen und den Schilderungen ein Bild machen.

Das was ich über Pandora geschrieben habe, das gilt auch in vollem Umfang auch für diesen Roman. Das ist einfach Henry James pur und die volle Ladung Lesegenuss. Ich liebe die Dialoge, die immer spannend sind und bei denen sehr viel mitschwingt. Er beschreibt die Situationen so, dass man ganz deutlich spürt, wie neben dem Gesagten noch viel mehr zwischen den Protagonisten ausgetauscht wird. Das ist eine ganz schöne Leistung das so in eine Novelle zu gießen. Dabei ist seine Art zu schreiben sehr entspannt und hat auch immer etwas Gediegenes. Seine Figuren sind aus der gehobenen Gesellschaft, zurückhaltend, höflich und kultiviert. Genau diese Kultiviertheit steht ihnen aber auch immer im Weg, denn das amerikanische Naturell und die gesellschaftlichen Strukturen des alten Europas schaffen bei Henry James auch immer eine latente aber deutlich spürbare Kluft. Auch hier ist die unberechenbare Daisy Miller, ihre ganz eigensinnige Art, aber auch die gesellschaftlichen Reaktionen Elemente, welche die Neugierde des Lesers wecken. Ich habe mich immer gefragt, wie die Geschichte wohl ausgehen wird, was bei der ganzen Sache wohl heraus kommt.

Leider ist auch Daisy Miller wieder nur eine sehr kurze Novelle. Ich könnte hier glaube ich unendlich weiter lesen. Die Figuren wirken echt und realistisch und zusammen mit diesen schönen Beschreibungen, dieser gleichmäßigen und aufgeräumten Sprache, dieser feinen Gesellschaft, hat es eine Sogwirkung, der ich mich schwer entziehen kann. Henry James ist für seine psychologisch feinen Frauenportraits bekannt und diese Novelle ist wie auch Pandora ein Musterstück für seine Kunst.

Vergangenes Jahr hat der dtv Verlag zum 100. Todestag einige Bücher von Henry James neu aufgelegt. Daisy Miller ist das einzige gebundene Buch in der Reihe (soweit ich gesehen habe). Das dünne Büchlein ist ordentlich verarbeitet, aber nun kein bibliophiles Meisterwerk. Aber es ist farblich schön abgestimmt, kommt mit einem Lesebändchen und hat auch ein ganz schönes Cover. Mir gefällt es optisch sehr gut. Sehr positiv sind mir auch die Anmerkungen aufgefallen, die einige Begriffe erklären und eine sehr gute Ergänzung sind. Auch die Übersetzung hat einen soliden Eindruck gemacht. Mir hat das Gesamtpaket sehr gut gefallen.

Fazit: Die Novelle Daisy Miller ist wunderbar geschrieben, wieder Henry James pur und konnte mich wieder sehr begeistern. Es ähnelt sehr stark seiner Novelle Pandora, zeichnet wieder ein sehr feines Portrait einer Amerikanerin, kommt mit seinem üblichen unaufgeregten, entspannten und sachlichen Stil, den ich sehr angenehm finde und ewig lesen könnte. Natürlich ist auch hier der kulturelle Unterschied zwischen dem neuen Amerika und dem alten konservativen Europa ein Thema und wird durch die Figuren greifbar und auch in seinen Feinheiten nachvollziehbar. Auch wenn in dem Buch keine Spannung aufgebaut wird und die Handlung eher dahin fließt, konnte ich es nicht mehr aus der Hand legen und war sehr neugierig, wie diese Geschichte wohl ausgehen wird. Sehr genial finde ich die Dialoge und wie James die Reaktionen und Begegnungen beschreibt. Eine Empfehlung für alle, die Henry James erstmal testen wollen und definitiv auch eine Empfehlung für alle, die seine anderen Romane gerne mögen.

Über das Buch

Titel: Daisy Miller
Autor: Henry James
Verlag: dtv Verlag
Übersetzung: Britta Mümmler
Erschienen: 23. Oktober 2015
Erstveröffentlichung: 1878
Seiten: 128 Seiten

Klappentext anzeigen
»Sie sind grauenvoll gewöhnlich. Die gehören zu der Sorte Amerikaner, die man einfach ignorieren muss.«

Die junge Amerikanerin Daisy Miller befindet sich mit Mutter und Bruder auf Europareise. Als sie auf dem Weg nach Italien am Genfer See einen Zwischenhalt einlegt, verdreht sie ihrem Landsmann Frederick Winterbourne mit ihrem naiven Charme den Kopf. Doch er ist der leidenschaftlichen und abenteuerlustigen Daisy zu steif, zu reserviert, zu »europäisch«.

Ganz anders der lebensfrohe, attraktive Signore Giovanelli in Rom. Mit ihrer offen zur Schau gestellten Liaison brüskieren die beiden die römische Gesellschaft.

verfasst von Tobi

    2 Kommentare

  1. Mikka 10. Juni 2018 at 14:38 Antworten

    Hallo,

    eine sehr gute Rezension, die mich daran erinnert, dass ich mir vorgenommen hatte, mal wieder ein Buch von Henry James zu lesen… „What Maisie Knew“ liegt dahinten auf dem Lesestapel – das aber schon länger. „Daisy Miller“ wandert auf der mentalen Leseliste mal ein paar Plätze weiter nach oben.

    Ich habe diesen Beitrag HIER für meine Kreuzfahrt durchs Meer der Buchblogs verlinkt.

    LG,
    Mikka

    • Tobi 10. Juni 2018 at 22:59 Antworten

      Liebe Mikka,

      „What Maisie Knew“ habe ich auch noch nicht gelesen oder auf dem Stapel. Mein nächstes Buch von Henry James wird „Porträt einer jungen Dame“, das hat sich vom Klappentext auch hervorragend angehört. „Daisy Miller“ kann ich dir nur empfehlen, nimm es lieber auf deine richtige Leseliste 😉

      Herzlichen Dank fürs Verlinken von meiner Rezension!

      Liebe Grüße
      Tobi

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