Der schwarze Handschuh • Vladimir Odoevskij

Aktuell habe ich noch immer meinen Manesse-Russen-Lauf und gebe mich der Lektüre der Romane der russischen Autoren hin. Primär bin ich nun in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gelandet, einer Zeit, in der sich die erzählerische Prosa Russlands maßgeblich entwickelt und die Grundlage für Romane wie Anna Karenina geschaffen wurde. Eine Zeit, in der Autoren wie Puschkin, Turgenjew oder Tschechow die moderne russische Literatur begründet haben. Vladimir Odoevskij ist einer der weniger bekannten Literaten und um so gespannter war ich auf dieses Buch, dass der Manesse Verlag vor einigen Jahren in sein Programm aufgenommen hat.

Zuerst habe ich gedacht, dass es sich bei dem Buch um einen Roman handelt, aber wie sich dann überraschenderweise herausgestellt hat, ist es eine Sammlung von Erzählungen. Also man sieht, dass ich die Klappentexte nur schnell überfliege, denn sie sind meistens bei Klassiker sehr oft fiese Spoiler. Allerdings liebe ich die Manesse Bücher mit den Meisternovellen und habe mich über einige kürzere Geschichten gefreut.

In Summe war das Leseerlebnis dann aber eher durchwachsen. Die erste und titelgebende Erzählung Der schwarze Handschuh war nicht schlecht, konnte mich aber auch nicht begeistern. Vom Plot sind die kurzen Novellen schon eher pointiert angelegt, aber dafür war dann das Resumé nicht wirkungsvoll genug. Das trifft auch besonders für die vier weiteren Erzählungen zu. Das Gespenst ist eine Schauergeschichte, aber auch da fand ich die Pointe irgendwie lahm. Folgen eines satirischen Artikels nimmt die intellektuelle gehobene Gesellschaft aufs Korn. Märchen vom toten Körper, unbekannt, wem gehörig gibt ein schönes Bild vom kleingeistigen, korrupten Beamten aus der Provinz, war mir aber von seinem zentralen Element her zu skurril. Ganz ähnlich Die Sylphide, eine etwas seltsame Story, die schon fast von E.T.A. Hoffmann stammen könnte, mit übersinnlichen Elementen und auch irgendwie abgehoben.

Die beiden letzten und umfangreichsten Novellen haben mir hingegen richtig gut gefallen. Sie haben den Titel Prinzessin Mimi und Prinzessin Zizi was sich erst einmal schräg anhört. Dahinter verbergen sich aber sehr fesselnde Geschichten, die ganz im Stile der Gesellschaftsromane gehalten sind und jeweils in der gehobenen adeligen Gesellschaft Moskaus und Petersburg angesiedelt sind. Darin geht es jeweils um das Schicksal einer Prinzessin und darum, wie die Gesellschaft ungerechterweise urteilt, wie der Klatsch und Tratsch auf niederträchtige Art die Salons unterhält und wie die Menschlichkeit dabei auf der Strecke bleibt. Diese beiden Geschichten habe ich sehr verschlungen, das war ganz in der Tradition, in der auch die großen Autoren dieser Zeit unterwegs waren.

Vladimir Odoevskij lebte von 1803 bis 1869, stammte aus hohem Adel und kannte die high society in all ihren Details und gehörte sozusagen zu der obersten Liga. Seine Erzählungen nehmen genau diese Adelsgesellschaft aufs Korn. Zynisch und kritisch verurteilt er die oberflächliche, klatschende Gesellschaft. Damals wurde in Adelskreisen fast ausschließlich französisch gesprochen und viele konnten nur sehr schlecht russisch, was eigentlich völlig bizarr ist. Odoevskij verurteilt das und stellt in seinen Erzählungen immer wieder die Frage, wie viel vom russischen Geist verloren geht, wenn alle nur diese fremde Sprache sprechen. Natürlich sind aber auch die typischen menschlichen Schwächen immer wieder ein Thema. Oder die Intellektuellen, die in ihrem Schubladendenken unterwegs sind, sich für ausnehmend klug halten und am Ende der französischen Kultur verhaftet sind und gedankenlos hinterhereifern.

Odoevskij war sehr gebildet, hat neben der Schriftstellerei auch komponiert und war zudem mit der ganzen Frührussischenprosatruppe sehr gut bekannt. Zu seinen guten Bekannten gehörten Gogol, Turgenew, Tschechow aber auch Tolstoi und Dostojewski. Er war also in guter Gesellschaft und ich denke sein Einfluss auf die großen bekannten Autoren ist nicht zu verachten.

Fazit: Nach der Lektüre habe ich das Buch mit gemischten Gefühlen weg gelegt. Auf der einen Seite fand ich die beiden gesellschaftspsychologisch sehr spannend und fesselnd angelegten Erzählungen Prinzessin Mimi und Prinzessin Zizi sehr gelungen. Die anderen Geschichten konnten mich allerdings nur sehr begrenzt erreichen. Auch von den Sätzen bin ich nicht so richtig in einen Lesefluss gekommen. Die Ausgabe von Manesse selbst ist natürlich wieder wunderbar, mit allem was ich gewohnt bin und mir wünsche, besonders der orangefarbene Leineneinband ist sehr prächtig. In Summe ist es allerdings ein Buch, das mich zwar unterhalten hat, das man aber aus meiner Sicht nicht unbedingt gelesen haben muss.

Buchinformation: Der schwarze Handschuh • Vladimir Odoevskij • Manesse Verlag • 379 Seiten • ISBN 9783717522461

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