Die Entwicklung der Buchblogosphäre in den letzten Jahren

Seit knapp vier Jahren betreibe und aktualisiere ich auf dieser Seite die Topliste der deutschen Buchblogger. Seitdem habe ich immer wieder die Buchblogosphäre analysiert und näher betrachtet. Bei meiner letzten Auswertung im Feburar des vergangenen Jahres bin ich zu dem Ergebnis gekommen, dass sowohl die Anzahl der neu gestarteten Blogs, als auch die Anzahl der Beiträge ab dem Jahr 2017 deutlich zurück gegangen sind. Nun habe ich mich gefragt, ob sich dieser Trend fortgesetzt hat. Ist das Bloggen über Bücher nun out? Der Hype vorbei? Oder ist das Buchbloggen angesagt wie nie? Ein Blick auf meine Topliste gibt Hinweise.

Ich habe diesmal darauf verzichtet, alle Buchblogs neu abzuscannen und zu durchforsten. Diesmal habe ich mich auf die Topliste beschränkt und insbesondere deren Veränderungen genauer betrachtet. Dabei habe ich mich auf die letzten 2,5 Jahre beschränkt und ganz einfache Metriken ermittelt. Zuerst habe ich mir die Anzahl der Buchblogs in der Topliste angesehen. Folgend seht ihr ein Balkendiagramm mit der Anzahl der Buchblogs in der Topliste je Monat.

Es ist zu sehen, dass seit Mitte 2016 bis zum Mai 2018 die Anzahl der Buchblogs weitgehend stabil zwischen 1200 Blogs und 1300 Blogs lag. Der höchste Wert wurde im Dezember 2017 mit 1323 Blogs erreicht.

Die Erklärung für den starken Rückgang im Mai 2018 ist die in diesem Monat in Kraft getretene Datenschutz-Grundverordnung DSGVO, die zahlreiche kleinere Blogger bewogen hat, das Bloggen komplett einzustellen. Eine Entscheidung, die ich durchaus nachvollziehen kann. Dieses neue Vorgabe legt einem einfachen privaten Freizeitblogger zahlreiche Einschränkungen und rechtliche Rahmenbedingungen auf. Hier muss wirklich Zeit und Arbeit investiert werden, um diesen gesetzlichen Vorgaben gerecht zu werden und selbst wer diese ausführliche Recherche und die zahlreichen nötigen technischen Änderungen auf sich nimmt, befindet sich dann noch immer in einer rechtlichen Grauzone. Zahlreiche Formulierungen in dem Gesetz müssen erst durch die Gerichte in feste Formen gegossen werden. Ein Risiko bleibt und entsprechend der German Angst haben viele ihren Blog komplett dicht gemacht.

Betrachtet man nun die Anzahl an Blogs je Monat, die der Liste hinzugefügt und davon entfernt wurden, dann ergibt sich ein ähnliches Bild.

Der Mai 2018 sticht ganz deutlich hervor. Um 20% ist die Buchblogosphäre in diesem Monat geschrumpft und pendelt seitdem um die 930 Buchblogs. Verglichen mit dem absoluten Hoch liegt die Anzahl der Buchblogs bei 70%. Das zeigt nochmal ganz deutlich, was für ein Schaden in diesem Nischenbereich und wahrscheinlich auch an vielen anderen Stellen im Netz angerichtet wurde, während gleichzeitig die großen Unternehmen scheinbar mit den Daten weiterhin geschmeidig Kasse machen (interessant ist in dem Zusammenhang ein Artikel zum Thema Programmatic Advertising).

Ich habe mich gefragt, wie die Entwicklung der hinzugefügten und entfernten Blogs ohne diesen Sondereffekt ausfällt und den Monat Mai entfernt. Dann ergibt sich ein etwas anderes Bild.

Um den Mai herum ist zwar noch immer ein deutlicher Anstieg der geschlossenen und nicht mehr vorhandenen Blogs zu sehen. In Summe ist es aber ein stetiges Kommen und Gehen das sich ganz gut die Waage hält. Rein optisch würde ich sagen, dass nun nicht auffallend viele Blogs dicht gemacht oder übermäßig viele neue hinzu gekommen sind. 2018 war etwas mehr Bewegung in der Liste, aber immernoch in einem gemäßigten Rahmen.

Als letzten Wert habe ich mir angesehen, wie lange die einzelnen Blogs denn schon in der Topliste sind. Das musste ich natürlich relativ machen, da die Topliste ja mit jedem Monat etwas älter wird. Also habe ich einfach die durchschnittliche Anzahl der Monate, welche die Blogs bereits in der Topliste sind genommen. Diese habe ich dann in Relation zu dem Alter der Topliste gesetzt. Dabei ergibt sich folgendes Balkendiagramm, das ich am spannendsten und aussagekräftigsten finde.

Man sieht daran, dass seit Mitte 2016 bis Ende 2017 die durchschnittliche relative Verweildauer der Blogs in der Topliste kontinuierlich nach unten geht. Seit 2018 ist diese Verweildauer aber stabil. Im Dezember 2018 waren die Blogs durchschnittlich 20 Monate in der Topliste (die Topliste war von Mitte 2016 aus gerechnet 30 Monate alt). Das zeigt für mich, dass sich die Buchblogosphäre stabilisiert, dass zahlreiche Blogger, die schon lange dabei sind auch dabei bleiben und damit eine grundlegende Fluktuation kompensieren. Auch die ganze DSGVO Geschichte tritt hier nur minimal in Erscheinung. Das bedeutet, dass viele ihren Blog gerne mögen und auch pflegen und weiter betreiben, auch wenn es Hürden gibt. Vom Baum wurden scheinbar nur die faulen Äpfel geschüttelt, also alle die Buchblogger, die nur halbherzig bei der Sache waren (metaphorisch gesprochen, das ist nicht wertend gemeint).

Das trifft auch meine Wahrnehmung. Seit Ende 2014 beobachte und lese ich Buchblogs und sehr viele davon sind noch immer auf meiner Liste und sind noch immer aktiv. Gefühlt ist die Frequenz neuer Beiträge etwas gesunken, aber ich glaube da täuscht sich mein Gefühl, denn einige neuere Blogs auf meiner Liste haben eine sehr hohe Aktivität, so dass sich das wieder ausgleicht. Zusammenfassend finde ich das eine gesunde Entwicklung. Das große Ding für die Masse werden Buchblogs sicher nicht werden, aber dem Untergang sind sie sicherlich ebenso wenig geweiht. Schaue ich in meinen RSS Reader und betrachte ich meine eigene Aktivität auf Lesestunden, so habe ich durchaus ein gutes Gefühl.

Es bleibt nur noch zu sagen, dass ich mich hier auch komplett täuschen kann. Denn ich habe ja nur die Topliste betrachtet und möglicherweise sind zahlreiche Buchblogger an meinem Radar vorbei gegangen, haben nie Lesestunden entdeckt und sich folglich nie eingetragen.

Wie ist eure Wahrnehmung? Schrumpft die Buchblogosphäre? Ist sie aktiv wie nie? Wie vielen Blogs folgt ihr und wie aktiv seid ihr? Bestätigen diese Diagramme euren Eindruck oder habt ihr ein ganz anderes Bild?

6 Kommentare

  1. Die DSGVO hat vielen einen Dämpfer gesetzt, nicht nur Buchbloggern und viele, denen es einfach nur ums Schreiben geht, den Spaß an eben dieser Tätigkeit verdorben. Dazu die Angst, etwas falsch zu machen oder zu übersehen. Ich kann verstehen, dass viele aufgehört haben. Man tut, was man kann und es ist doch nicht genug. Ist an manchen Stellen schon frustrierend. Dann irgendwelche Updates bei WordPress, die einem das ganze Format verhageln. Ich lese und will darüber schreiben, hätte mir jemand am Anfang gesagt, dass ich ein halber Informatiker und Rehctsanwalt sein muss, um mich durchzufinden, hätte ich nicht damit angefangen. Ich überlege regelmäßig, ob es sich noch lohnt, zu bloggen. Bisher lautet die Antwort, ja. Ich habe Angst vor dem Moment, an dem die Antwort nein lauten wird. Aktuell sehe ich jedoch mehr positive als negative Seiten, zumal, wenn die Hürde genommen ist, und man sich doch mal mit den rechtlichen und technischen Kram auseinandergesetzt hat. Entschuldigung für den Blocktext. 🙂

  2. Moin,
    das mit der DSGVO sehe ich anders. Der Vorläufer, das Bundesdatenschutzgesetz (BDSG) war sehr ähnlich aufgebaut. Nur ghat es nicht solch drastische Strafen vorgesehen, und deswegen hat sich kaum einer darum geschert. Wenn ich Auto/Motorrad fahren will, dann kann ich mir auch nicht einfach sowas kaufen und mich drauf setzen und losfahren. Im öffentlichen Raum brauch ich einen Führerschein. Daran ist nichts verkehrt. Ich mag auch dieses Argument „Ich will nur bloggen, wieso muss ich Informatiker sein?“ nicht mehr hören. Muss man nicht. Aber wer sich im öffentlichen Raum bewegt, der sollte wissen, was er da tut und welche Daten er von wem wohin schickt. Um Motorrad fahren zu können muss ich weder Mechaniker noch Ingenieur sein. Und um ein Blog DSGVO fest zu machemn gehört nicht viel. Man anonymisiert die IP, nullt das letzte Oktet aus, geht bei den meisten Provider per Häkchen setzten und gut ist. Dann noch die Daten seiner Benutzer nicht nach Facebook oder Twitter trompeten. (Oder zumindest c’t Shariff benutzen) Dann speichert man keine personenbezogenen Daten und leitet sie auch nicht weiter. Und wo keine Daten sind kann man auch nichts löschen und kann auch nichts nachweisen. Und ganz ehrlich: wer deswegen aufgibt, da ists auch nicht schade drum. Diejenigen, die keine eigene Domain haben und bei einem Bloganbieter sind/waren haben auch nur dazu beigrtragen, MEINE Daten sonstwohin zu pusten. Und wehren kann man sich nicht, wenn ich auf der Seite bin ists dann in der Regel eh schon zu spät.
    Ich bin das halt anders gewohnt. Ich war im Fido Net Point und Node und nachher im Udsenet, lange bevor es das Internet gab. Da hat man sich halt durchgebissen. Wir haben uns Modems aus den USA kommen lassen um mit 9600, 14400 oder 16800 Baud unterwegs zu sein, hatten horrende Telefonrechnungen.
    Heutzutage wird gejammert weil das ja alles Zeit und Geld kostet und damit wenigstens die Serverkosten wieder reinkommen schalte ich Werbung.
    Ich hab keine Lust mich damit auseinanderzusetzen und benutze daher diesen unsäglichen Hamburger Landgericht „Ich distanziere mich vom allem und jeden“. Wo das Internet doch hervorragende Möglichkeiten bietet sich schlau zu machen und zu erkennen wie unnütz dieser Text war, den nahezu jeder völlig unreflektiert auf seine Webseite kopiert hatte.
    Und jetzt das DSGVO Gejammer.

    Sorry für den Rant 🙂

    Ich habe nur zwei Blogs „verloren“, die wegen der DSGVO dicht gemacht haben. Die habe ich durch einen anderen Blog ersetzt. Ich habe aber auch noch nicht mal ein halbes Dutzend Blogs, denen ich folge. Grade mal nachgezählt, sind doch mehr 🙂 7 an der Zahl. Ich bin da allerdings auch recht radikal und konsequent. Hab ich den Eindruck dass es da um Werbung geht oder tauchen gesponsorte Artikelbeschreibung auf ist recht schnell schluss mit dem Abo/lesen.

    Prozentual ist das dann alerdings drastisch, denn 2 Blogs von 8 sind 25%… Von den Buchblogs her sind die Zahlen aber stabil, ich lese nasch der DSGVO noch die gleichen Buchblogs wie vorher auch.

    Bloggen selbst tu ich seit Jahren nicht mehr. Dazu habe ich einfach nicht die Zeit, bei meiner Fotoseite hänge ich auch schon Jahre hinterher, ich habe zwei Ehrenämter, Hund, Katze, Maus, Kind, Kegel. Ach ja, und natürlich einen SuB, der sich standhaft widersetzt zu schrumpfen. Und leider haben eSuBs die Eigenschaft, noch schneller zu wachsen als physikalisch existente.

    Und selbst wenn Lesestunden dicht machen würde, so nähme ich doch aus der vergangenen Zeit jede Menge Entdeckungen, Richtungswechsel und „Neuland“ mit.

    Und ich denke mal, das viele das Bloggen einfach unterschätzen. Nach anfänglicher Euphorie und nachdem jeder aus dem Bekanntenkreis seinen Like abgegeben hat passiert dann nichts mehr. Dann wird auch seltener geblogt, was noch weniger Besucher anzieht womit sich der Teufelskreis schliesst. Und eine bestimmte Anzahl Buchleser kann auch nur ein bestimmte Anzahl Buchblogs konsumieren.

    Von daher sehe ich die Fluktuationen im speziellen (Buchblogs) und allgemeinen eher gelassen.

    //Huebi

  3. Ich finde deine Statistiken immer wieder total interessant. Ich muss sagen, dass mir eine große Fluktuation nur um den April/Mai rum aufgefallen ist, da auch einige Blogs, die ich verfolgt habe, sich zum Schließen entschlossen haben. Abgesehen davon hab ich das Gefühl, nur meine mir eh schon bekannten Blogs zu lesen und deshalb gar nicht wirklich mitzubekommen, was außerhalb dieses Kreises passiert und ob viele neue Blogs dazukommen. Es wird scheinbar wieder Zeit für eine „Gebt kleinen Blogs eine Chance“-Aktion.

    Fluktuation wird sicherlich auch deshalb entstehen, weil sich die Lebenswelt einfach im Laufe der Jahre verändert. Viele beginnen vielleicht während Ausbildung oder Studium mit dem Bloggen und einmal im Arbeitsleben angekommen fehlt dann plötzlich die Zeit. Mein Blog besteht seit fast 9 Jahren und ich habe da selbst solche Umbrüche erlebt, in denen das Bloggen an Zeit eingebüßt hat: ich habe mein Studium beendet, angefangen zu arbeiten und dann ist wieder Zeit verlorengegangen fürs Bloggen, als ich meine Kinder gekriegt habe. Aber mein Blog ist mir einfach zu wichtig, um ihn aufzugeben und es werden auch sicherlich wieder blog-intensivere Zeiten kommen.

    Der große „Blogger als Werbemittel“-Trend ist in meinen Augen auch vorbei. Es hat sich zwar als Mittel etabliert, gewinnt in meinen Augen aber nicht mehr an Bedeutung für die Buchverlage. Vielleicht irre ich mich da aber auch, ich bin ja nicht aus der Buchbranche.

    1. Liebe Friedelchen,

      auf meine Liste an Blogs die ich so lese merke ich auch keine große Fluktuation. Aber es wird tatsächlich mal wieder Zeit etwas mehr zu stöbern und genauer zu schauen, welche Blogs so dazu gekommen sind. Eine Aktion um neue kleine Blogs kennen zu lernen ist eine gute Idee.

      Was Du über Blogger als Marketingmittel für Verlage sagst, würde ich auch so unterschreiben. Das trifft meinen Eindruck auch sehr stark. Nachdem die Buchbloggosphäre nun nicht wächst und es auch keine bemerkenswerten Aktionen gibt, die über die üblichen Rezensionen hinaus gehen, würde ich auch sagen, dass eine gewisse Sättigung eingetreten ist. Was aber meines Erachtens auch ganz gut so ist.

      Herzliche Grüße
      Tobi

  4. Hallo Tobi,

    ich denke, dass es mittlerweile eine breite Masse an Buchblogs gibt, die relativ stabil dabei sind. Zudem erfasst Du neue Blogs ja nicht automatisch, sondern neue Blogs müssen eingetragen werden, oder?
    Dass die DGSVO viele Blogger dazu verleitet hat, mit dem Bloggen aufzuhören, kann ich ehrlich gesagt nicht verstehen. Es gibt mittlerweile viele Hilfsmittel, die dem Blogger helfen, im rechtlichen Dschungel zurechtzukommen. Klar, ein bisschen einlesen muss man sich, aber hey, wir reden über Buchblogs, da sollte das mit dem Lesen nicht so das Problem sein 😀

    Viele Grüße
    Frank

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