Die Jangada: 800 Meilen auf dem Amazonas • Jules Verne

Ich dreh ja immer mal wieder meine Runde im Netz und stöber nach schönen Büchern. Ab und zu verschlägt es mich auch auf die Webseite von Die Andere Bibliothek. Dort gibt es viele richtig schöne und prächtige Bücher, die nach allen Regeln der hohen Buchkunst gefertigt werden. Vom Inhalt treffen die Bücher allerdings nur ab und zu meinen Geschmack. Die Jangada von Jules Verne wäre mir beinahe entgangen. Ich habe das Buch zwar bei den hiesigen Onlinehändlern unter den Neuerscheinungen gesehen, aber erst dann auf der Webseite des Verlags entdeckt, was für ein wunderschönes Buch das ist. Es ist schon einige Zeit her, dass ich so ein Must-Have-Gefühl für ein Buch hatte und es ist wirklich so prächtig und schön, wie es auf den Bildern zu sehen ist. Und ein Buch von einem weltbekannten französischen Autoren des 19. Jahrhunderts ist eigentlich immer richtig gut. Wer also mein Lobgesang auf ein schönes Prachtbuch von einem Triple-A Autoren lesen möchte, der ist auf diesem Beitrag genau richtig.

Joam Garral ist ein sehr erfolgreicher Besitzer einer Hazienda in Peru, naher der Grenze zu Brasilien. Sein Töchterchen Minha möchte einen sehr guten Freund seines Sohnes ehelichen, das Zeremoniell allerdings in der Stadt Belém feiern und so beschließt Garral und seine Frau mit Sack und Pack in die Stadt zu reisen. Nun kommt das typisch Besondere, dass immer in Jules Vernes Romanen vorkommt: Die Hochzeitgesellschaft will das auf einer Jangada zu machen, einem richtig großem Floss und sich damit den Amazonas hinabtreiben lassen. Das wird auch standesgemäß ausgestattet und bekommt ein hübsches Haus für die Familie, Behausungen für die Bediensteten und sogar eine Kapelle. Bei der Gelegenheit werden auch einige Handelsgüter mitgenommen. Es wird also mit einem richtig fetten Flosstrain den langsam dahinfließenden Fluss gefolgt. Auf der Reise kommt es natürlich zu einem tragischen Zwischenfall, den die liebe Familie bestehen muss und wird dabei auf eine harte Probe gestellt.

Wer von Verne schon etwas gelesen hat, der weiß, dass er sehr angenehm schreibt und einen Erzählstil hat, der wunderbar die Landschaft, die Natur und die ganze Umgebung beschreibt. Stellenweise liest sich der Roman wie ein Reisebericht über Brasilien und den Amazonas. Er streut immer wieder Fakten ein und berichtet von den Tieren, der Vegetation und der Lebensweise der dort angesiedelten Menschen. Das liest sich unterhaltsam und ist sehr entspannend.

„Braza“, Feuerglut, ist ein Wort, das sich schon in der spanischen Sprache des 12. Jahrhunderts findet. Aus ihm entstand das Wort „Brazil“ zur Bezeichnung gewisser Holzarten, die eine rote Farbe liefern (das ist das sogenannte Brazilien- oder Rotholz). Davon übertrug sich der Name Brasilien auf jenen ungeheuren Teil Südamerikas, durch den der Äquator verläuft und wo diese Holzart sehr häufig vorkommt. (S. 135)

Vernes Bücher sind aber auch immer Abenteuerromane und so auch hier. Seine Charaktere haben nicht die Tiefe, mit denen die Figuren andere Autoren aufwarten, sind aber so ausgestaltet, dass sie zu den Geschichten gut passen und diese auch hervorragend voran bringen. So taucht man als Leser durch die schönen Beschreibungen in die exotische Welt des Amazonas ein, erlebt aber auch gleichzeitig eine unterhaltsame Geschichte. Auch von der Länge trifft Verne genau das richtige Maß. Die Story selbst ist nun nicht außergewöhnlich oder besonders ausgefallen, zusammen mit dem gelungen ausgearbeiteten Setting schon ein richtiger Lesegenuss. Gerade im zweiten Teil der Geschichte, der etwa die Hälfte ausmacht, fokussiert sich Verne auf die Geschichte und reduziert die an einen Reisebericht erinnernde Erzählweise. Das wird dann nochmal ganz gut spannend.

Sehr überzeugend fand ich die zahlreichen Elemente, die Verne in den Roman hinein packt. So kommt beispielsweise ein Tauchgang mit dem klassischen Steampunk-Tauchanzug vor. Besonders gelungen fand ich einen verschlüsselten Text, der natürlich unbedingt entschlüsselt werden muss und dessen Chiffre Verne genau erläutert und auch mathematische Betrachtungen anstellt und überlegt, wie lange ein Mensch bräuchte um diesen zu knacken. Mit aktueller Technologie und dem Wissen um den Verschlüsselungsalgorithmus würde sich das Schriftstück binnen Millisekunden entschlüsseln lassen. Ich habe mich gefragt, ob das auch funktionieren würde, ohne Kenntnis des tatsächlichen Algorithmus. Man bräuchte also sozusagen eine künstliche Intelligenz, die verschiedene Verfahren auf den Text anwendet, beispielsweise ein neuronales Netz. Und ein zweites neuronales Netz müsste verschiedene Verschlüsselungsalgorithmen erfinden und mit zahlreichen erzeugten Beispieldaten das erste Netz trainieren. Das wäre echt interessant mal an diesem konkreten Text aus dem Roman das auszutesten, um dann zu prüfen was mit deep learning so funktioniert. Natürlich begrenzt auf ältere und einfachere Verfahren wie die Caesar-Verschlüsselung, bei AES, RSA und Konsorten kommt man da natürlich nicht weit. Leider fehlt mir da die Zeit. Inspirierend ist der Roman auf jeden Fall.

Ich konnte mir die Jangada und die wilde tropische Landschaft des Amazonas Beckens hervorragend vorstellen. Hier tragen auch die 90 Illustrationen der französischen Originalfassung ihren Teil dazu bei. In der Auflage ab 1901 wurden noch einige weitere farbige Illustrationen (Autotypien) veröffentlicht, die dem Buch ebenfalls im Anhang beigefügt sind. Ebenso wurden später zwei Karten ergänzt, die auf dem Einband aufgedruckt sind. Diese alten Zeichnungen sehen einfach schön altmodisch aus und vermitteln die Stimmung des Buches und die Figuren dieser Zeit. Das ist mir schon auf den Bildern der Webseite aufgefallen und alleine die Titelseite ist einfach richtig schön anzusehen und stimmt einen als Leser sofort auf ein altes und schönes Buch ein.

Über Jules Verne muss ich glaub ich nicht viel schreiben. Er ist noch immer ein sehr bekannter Autor, lebte von 1828 bis 1905 und hat zahlreiche sehr berühmte Romane geschrieben, wie beispielsweise Die Reise zum Mittelpunkt der Erde oder 20.000 Meilen unter dem Meer sowie Reise um die Erde in 80 Tagen. Er gilt mit als Begründer der Science Fiction Literatur. Am Amazonas war er scheinbar nie und musste sich für die Beschreibungen in diesem Roman auf Reiseberichte anderer Autoren verlassen. Das macht er sehr gut und es hätte mich auch nicht gewundert, wenn er selbst einmal in Brasilien unterwegs gewesen wäre, denn die Welt hat er schon sehr viel bereist und war auch in Amerika unterwegs.

Wie schon erwähnt begeistert mich bei dem Buch die gelungene Gestaltung. Das Buch kommt in einem beidseitig offenen Schuber, der von der Illustration erstmal unscheinbar ist. Ich hab über das Buch erstmal hinweg geklickt und bin erst einige Monate später nochmal darauf gestoßen. Der leuchtend grüne Einband ist mit einer Karte des Amazonas Verlaufs bedruckt. Das finde ich schonmal sehr hübsch und ist tatsächlich sehr hilfreich, um sich beim Lesen immer wieder zu orientieren. Die Farben sind richtig gut kombiniert und gewählt. Das Vorsatzpapier ist in einem orangen Ton gehalten, der sehr schön zu dem Grün des Umschlags passt. Die zwei Teile und der Anhang des Buches werden mit einer dunkelgrünen Seite eingeführt, was ebenfalls von der Farbgebung sehr harmonisch wirkt. Das Grün wird dann auch in der Kopfzeile wieder aufgegriffen. Solche Details fallen mir sofort auf und diese stimmige Gestaltung trifft bei mir genau einen Nerv. Ich mag es, wenn ein Buch so schön aufgeräumt ist und mit feinen Nuancen spielt. Auch das Papier ist richtig schön geschmeidig und fühlt sich einfach gut an. Dabei handelt es sich um 100g/m² Munken Pure Papier. Natürlich liegt das Buch sehr gut in der Hand und die hochwertige Fadenheftung runden es als richtiges Premiumbuch ab. Hier muss man echt sagen, dass Die Andere Bibliothek auch in der Profiliga mitspielt und bisher jedes Buch alle bibliophilen Bedürfnisse voll erfüllt.

Fazit: Die Jangada ist eine sehr unterhaltsame Geschichte, die besonders mit ihren an einen Reisebericht erinnernden Landschafts und Naturbeschreibungen besticht und so den Leser in die exotische tropische Welt des Amazonas entführt. Die schöne Idee, die Figuren auf einem riesigen Floss auf die Reise zu schicken, gibt der runden Story einen faszinierenden Hintergrund. Die gelungene und sehr hochwertige Aufmachung des Buches mit den Illustrationen der Originalfassung, der sorgfältig gewählten Farbgebung und Typographie und der wertigen Fadenbindung machen das Buch zu einem bibliophilen Erlebnis. Ein Buch das ich durchgängig, sowohl für seinen Inhalt, als auch seiner Aufmachung nur empfehlen kann.

Buchinformation: Die Jangada: 800 Meilen auf dem Amazonas • Jules Verne • Die Andere Bibliothek• 432 Seiten • ISBN 9783847704065

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