Wieso jeder Gaito Gasdanow lesen sollte (mit Gewinnspiel)

Über die Bücher von Gasdanow habe ich schon sehr oft auf Lesestunden geschrieben und ich möchte ihm nochmal einen Beitrag widmen und darüber schreiben, was mir seine Bücher bedeuten. Am Ende gibt es auch ein Gewinnspiel und die Chancen sind gut, weil so viele Leser werden vermutlich nicht mitmachen und es gibt zwei wunderbare Bücher zu gewinnen. Wieso es sich lohnt mitzumachen, warum Gasdandows Bücher etwas ganz Besonderes sind: Erfahrt es in diesem Beitrag.

Ich habe einige Jahre in München alleine gewohnt und in dieser Zeit auch viel Zeit alleine für mich verbracht. Damals habe ich auch viel gelesen, aber gerade die Stunden, die ich dort für mich verbracht habe, sind mir sehr gut in Erinnerung geblieben. Oft mit ruhiger und schwermütiger Musik, mit der Fähigkeit die Melancholie zu genießen und die Gedanken schweifen zu lassen. Es war ein Gefühl abseits zu stehen, von dem beständigen Fluss, den das Leben und die Gesellschaft stetig voran treibt und dem man sich durchaus entziehen kann, wenn auch nicht dauerhaft, denn das wäre auch falsch, aber für ein kurzes Innehalten. Auch dieser Tage habe ich noch diese Momente, aber sie sind seltener geworden. Dieser Teil in mir liebt die Bücher von Gaito Gasdanow, denn genau das macht seine Literatur aus.

Seine Charaktere, die immer Gasdanow selbst sind, stehen neben dem Leben, sind verloren und einsam, obwohl sie inmitten von Paris leben, obwohl sie in der aufregenden Zeit der Lost Generation am Montmartre die Künstlerwelt streifen, obwohl sie das nächtliche Paris in all seinen Facetten erleben. In vielen kleinen Detailbeobachtungen betrachtet Gasdanow die Menschen seines damaligen Umfelds, charakterisiert sie und mit einem ganz feinen und subtilen Gefühl, dass er dabei vermittelt, taucht man als Leser in seine Gedankenwelt ein. Diese zeugt immer von einer Verlorenheit, von der Suche nach Antworten auf Fragen, die das Leben stellt, die großen Fragen und die kleinen, die nach dem großen Ganzen, die nach der Liebe und tiefen Gefühlen.

„Aber in jeder Liebe steckt auch Traurigkeit[…]. Traurigkeit über die Vollendung und den näher rückenden Tod der Liebe, falls sie glücklich ist, und Traurigkeit über ihre Unmöglichkeit und den Verlust dessen, was uns niemals gehört hat, falls die Liebe vergeblich bleibt.“

Ein Abend bei Claire (S. 18)

Beim Lesen seiner Bücher entsteht ein Fluss und Gasdanows Texte haben eine ganz feine Sprache, die sehr nuanciert ist und die Stimme, die er in mir zum erklingen bringt, sie ist ganz einmalig, ganz charakteristisch und das unabhängig davon, welche Übersetzung man zur Hand nimmt. Wenn ich eine der Geschichten gelesen habe, dann habe ich oft das Gefühl auch eine fließende Melodie gehört zu haben, wie wenn ich tatsächlich Musik gelauscht hätte und gerade diesen Teil meines Denkens spricht die Sprachmelodie Gasdanows wohl an. Wenn ich das Buch dann durchblättere und mir die Sätze für sich einzeln durchlesen, dann sind da sehr schöne dabei, aber diese Musik darin hört man erst, wenn man sich diesem Strom hin gibt.

„Was trieb diese Menschen in dem Leben, das sie führten, eigentlich an? Wie mochten ihre Wünsche, Hoffnungen, Bestrebungen aussehen und um welchen Ziels willen tat jeder von ihnen, gehorsam und geduldig, eigentlich jeden Tag ein und dasselbe? Was steckte wohl dahinter, außer dem dunklen biologischen Gesetz, dem sie alle unterlagen, ohne es zu kennen und ohne je darüber nachzudenken? Was hatte sie aus dem apokalyptischen Nichts ins Leben gerufen? Die zufällige und vielleicht augenblickskurze Vereinigung zweier menschlicher Körper eines Abends oder eines Nachts vor ein paar Dutzend Jahren?“

Die Rückkehr des Buddha (S. 65)

Gasdanow stellt die großen Fragen ohne natürlich eine zufriedenstellende Antwort auf diese zu geben. Zwischen den Zeilen findet man einige seiner Schlussfolgerungen und für mich war es immer viel wichtiger zu lesen, wie ein Mensch sich diese Fragen stellt. Nach dem Leben, nach persönlicher Freiheit, nach der Bedeutung der Liebe oder auch nach den kosmologischen Dingen.

„Klammerte man vom Leben[…]jenen kümmerlichen Genuss aus, den uns die rein körperlichen Empfindungen verschaffen, also Wärme, Essen, Bett, Lida, Schlaf, was bleibt dann noch? Das enthusiastische Gesicht des Buddha? die Verzückung des heiligen Hiernonymus? Der Tod Michelangelos? Wer die kalte Anziehungskraft des Nichts kennt, was mag demjenigen dieses biologische Beben des Daseins noch bedeuten?“

Die Rückkehr des Buddha (S. 119f)

Und nicht zuletzt gibt er immer wieder seine Art zu denken preis, einen ganz subtilen, einfühlsamen, taktvollen und zugleich empfindsamen Gedankenstrom, wie er auch in mir immer wieder erklingt und diese Ähnlichkeit, die ich in seinen Büchern zu finden glaube, diese starke Nähe zu meinem eigenen Denken, sie hat einen ganz eigenen Sog für mich. Oder es sind einfach wunderschön klingende Sätze, in denen er verschiedene Eindrücke mischt und verwebt, so wie er Geräusche, Gerüche und Visuelles immer wieder in Einklang bringt.

Die blühende Jugend Victorias erinnerte Wolodja gleich an seine Gymnasiastenjahre, an Lady Hamilton, Dina und an lange, romantische Träume, an eine ganze Welt – der Musik, der Frauen, sich langsam ausbreitender, blauer Wellen eines fernen, imaginären Meeres. (S. 122)

Die Geschichte einer Reise (S. 122)

Ich habe auf Lesestunden schon einige Bücher von ihm vorgestellt. Hier findet ihr einen Überblick. Eines seiner schönsten Bücher ist Das Phantom des Alexander Wolf, aber eigentlich ist wirklich jedes Buch von ihm lesenswert. Seine bekannten Bücher sind im Programm vom Hanser Verlag erschienen. Seit ein paar Jahren erscheinen aber auch bisher noch nie ins Deutsche übertragene Bücher von ihm. Dazu gehört mit Die Pilger und Erwachen sein Spätwerk, mit dem gerade erst erschienenen Die Geschichte einer Reise bekommt das deutsche Publikum allerdings erneut einen Roman geboten, der eher seinen Anfängen zuzuordnen ist. Das Faszinierende an diesen neuen Veröffentlichungen: Kein Verlag steht hinter diesen Romanen, sondern der Übersetzer Jürgen Barck, der mit viel Sorgfalt und auf höchstem Verlagsniveau diese Bücher nach und nach übersetzt und in Eigenregie veröffentlicht. Für mich ist das ein wunderbares Geschenk, denn ich weiß noch sehr gut, wie ich nach der Lektüre von Die Rückkehr des Buddha verzweifelt nach weiteren Büchern von ihm gefahndet habe und nichts gefunden habe. Was für ein Genuss ist es, dann nun ein ungelesenes Buch von ihm in die Hand zu nehmen. Und wie ich aus erster Hand weiß, wird es damit auch weiter gehen, worüber ich mich sehr freue.

Der eben genannte Übersetzer Jürgen Barck hat mir zudem auch die beiden Bücher zur Verfügung gestellt, welche ich nun in einem Gewinnspiel verlosen möchte. Ihr habt zwei Wochen Zeit (also bis zum 14.08.) diesen Beitrag zu kommentieren (egal was, einfach nur eure Gedanken oder eine kurze Anmerkung reicht) und dann nehmt ihr automatisch an dem Gewinnspiel teil. Zu gewinnen gibt es Erwachen und Die Geschichte einer Reise. Es gibt also dann zwei Gewinner, die jeweils eines der Bücher bekommen. Beides sind wirklich wunderbare Bücher, die ich auf Lesestunden schon vorgestellt habe. Ich würde mich freuen, wenn die Bücher ihren Weg zu Literaturbegeisterten finden würden, die sich dem Genuss dieser wunderbaren Texte ebenso hingeben, wie ich es gemacht habe.

In dem Sinne: Lest und genießt Gasdanow.

Auslosung des Gewinnspiels

Für die Auslosung habe ich ganz einfach zwei Würfel mit zwanzig Seiten genommen und, tadaaa, Folgendes habe ich gewürfelt:

Die Gewinner sind also:

  • Kommentar 3 von Roswitha, mit dem Buch „Erwachen“
  • Kommentar 10 von Lucien mit dem Buch „Die Geschichte einer Reise“.

Gratulation, da war euch das Glück hold und ich schreibe euch bezüglich des Versands gleich an. Vielen lieben Dank an alle, die mitgemacht haben, ich hoffe ihr lest auch weiterhin auf Lesestunden mit und seid nicht zu traurig, dass ihr nicht gewonnen habt.

15 Kommentare

  1. Gerne würde ich mit einem der von Gaito Gasdanow verfassten Werken bedacht werden, um in die Gedankenwelt des Ausnahmeautors einzutauchen und mich seinen schwermütigen und tiefgründigen Lebens- & Sinnesfragen zu stellen.

  2. Ein Schrifsteller den ich noch nicht kenne.
    Ich liebe Bücher mit schöner Sprache.
    Diese Rezension ist sehr schön, und macht Lust auf mehr.

  3. Ich kenne einige Bücher von Gasdanow und verstehe und teile Deine Bewunderung für diesen Autor. Es ist ein ganz eigener Sound, der in seinen Büchern mitschwingt. Gerne würde ich noch mehr von ihm lesen und freue mich deshalb über das Gewinnspiel.

  4. Ein wunderbarer Beitrag!
    Ich freue mich immer wieder neue Klassiker zu entdecken – Und auch über weitere Werke von Gasdanow würde ich mich sehr freuen!
    Dir weiterhin gute Lesestunden!

  5. lesestunden.de schätze ich sehr, weil Deine Kommentare mir bei der Auswahl meiner eigenenen Leseprojekte gute Impulse geben. Herzlichen Dank für Deine Arbeit.

  6. Ich kenne den Autor nicht. Aber nach den Erfahrungen mit bisherigen Leseempfehlungen hier kann ich gar nicht daran zweifeln, dass er mir gefallen würde.

  7. Hallo Tobias,
    du machst mich – auch mit den ausgewählten Zitaten – nun wirklich neugierig auf den Autor. Und Gewinnspiele sind ja immer eine schöne Idee 🙂
    Und auch wenn ein anderes Buch von ihm noch ungelesen im Regal steht, würde ich mich sehr über das Buch „Erwachen“ freuen.
    Dir und euch eine schöne Sommerzeit.

  8. Ich lese immer wieder auf deinem Blog und hole mir Lese-Empfehlungen.
    Deswegen – und vor allem wegen deiner Lobeshymnen auf Gasdanow – würde ich gerne auch am Gewinnspiel teilnehmen. 🙂

    Weiter so!! 🙂

  9. An Gasdanow fasziniert mich, dass er scheinbar während des Schreibens in einem laufenden Prozess nachdachte und fühlte, dass er mit seinen Büchern keine fertigen Weisheiten, keine Dogmen, kein Prophetentum keine zigfach gefeilten Formulierungen anbietet, sondern dass er seine Leserinnen und Leser mitdenken, mitfühlen, seine Gedanken auf eine mystische Art und Weise mit entwickeln lässt.
    Beim Lesen fühlt man sich – ebenso wie bei meinem Favoriten Franz Kafka – dauernd mit einbezogen.
    Man fühlt sich gefragt, gleichsam in einen Dialog verwickelt und dabei auf Augenhöhe respektiert. Und genau das ist es, was Weltliteratur für mich ausmacht.

    In meiner eben beendeten Urlaubswoche habe ich zwei hierfür repräsentative Zitate im „Alexander Wolf“ gefunden, über die ich immer wieder nachdenken muss. (Im ersten ist dabei die weibliche Form mit der männlichen durchaus austauschbar 😉 )

    „Ich wusste zwar aufgrund wiederholter Erfahrung, dass Charme oder Anziehungskraft einer Frau nur so lange auf mich wirkten, als in ihr etwas Unbekanntes blieb, ein unerforschter Raum, der mir die Möglichkeit – oder die Illusion – bot, stets von neuem ihr Bild zu erschaffen und sie mir vorzustellen, wie ich sie gerne gesehen hätte, und wahrscheinlich nicht, wie sie in Wirklichkeit war. Es ging nicht so weit, dass ich Lügen und Hirngespinste einer offensichtlichen Wahrheit vorgezogen hätte, aber besonders tief gehendes Wissen barg zweifellos eine Gefahr in sich, dazu mochte man genauso wenig zurückkehren wie zu einem gelesenen und verstandenen Buch. Zugleich war der Wunsch nach Wissen vom Gefühl stets untrennbar, keine Argumente konnten das ändern.“ (Gaito Gasdanow, Das Phantom des Alexander Wolf, übersetzt von Rosemarie Tietze, dtv, München 2017, 3. Aufl., S, 103 f.)

    „Ja, und dann diese tröstliche Philosophie: dass wir jeden Tag durch kosmische Katastrophen gingen, doch das Unglück sei, dass die kosmischen Katastrophen uns gleichgültig ließen, während die geringste Veränderung in unserem eigenen, so unbedeutenden Leben Schmerz und Bedauern hervorrufe, und daran lasse sich überhaupt nichts ändern.“ (Gaito Gasdanow, a.a.O., S. 144)

    In beiden Zitaten wird unsere Bequemlichkeit widergespiegelt, unser Unwillen, nein, nicht einmal unsere Unfähigkeit (!), über unseren eigenen komfortablen Tellerrand hinauszusehen. Denn nur ein solcher Blick ließe uns die eigene Verantwortung erkennen, die Verantwortung für all jenes, was im persönlichen Umgang mit unseren Mitmenschen (Zitat 1) und in unserer Sicht auf das Weltgeschehen (Zitat 2) schief läuft. Wir wollen schlichtweg vieles nicht sehen, wollen die Menschen nicht so wahrhaben, wie sie uns nicht gefallen würden, wollen Geschichte nicht reflektieren, wenn sie unsere eigene Vergangenheit betrifft und wollen Gegenwart dann nicht realisieren, wenn wir erkennen müssten, dass unser Leid und unser Schmerz relativ ist und wir eigentlich durch unsere Lebensweise viel größeres Leid, viel größeren Schmerz zumindest mit verursachen.
    Ein Krieg berührt uns erst, wenn er nahe an Europa stattfindet und wenn er für uns z.B. eine Heizkostenumlage mit sich bringt.
    Unsere eigenen massiven Waffenexporte hinterfragen wir hierbei nicht.
    Den Klimawandel verurteilen wir ebenso wortreich und gerne, ohne etwa gleichzeitig zu erwähnen, dass es bei unserem Verbrauch der natürlichen Ressourcen die Erde gleich dreimal geben müsste.
    Aber, um mit Fontane (bzw. dem Vater seiner Effi Briest) zu sprechen, all das ist „ein weites Feld“ ….

    Mangels treffenderer eigener Worte hier diejenigen eines anderen Schriftstellers:
    „Man spricht viel von Aufklärung und wünscht mehr Licht… was hilft aber alles Licht, wenn die Leute entweder keine Augen haben oder die, die sie haben, sie vorsätzlich verschließen?“ (Georg Christoph Lichtenberg, Aphorismen, Essays, Briefe, Leipzig 1970, 1, S. 215)

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