Erwachen • Gaito Gasdanow

Gaito Gasdanow ist einer der Autoren, die eine magische Wirkung auf mich haben und dessen Bücher mich einfach immer erreichen. Einige seiner Werke habe ich auf lesestunden.de schon vorgestellt und ich will es nicht versäumen, diese erste Übersetzung seines Romans Erwachen ebenfalls zu besprechen. Mit dem Buch hat es zudem eine besondere Bewandtnis, denn es ist sicher nicht so leicht zu finden und hat wieder einen eher unkonventionelle Hintergrund. Ich habe mich über sein Erscheinen sehr gefreut und es mit viel Genuss gelesen. Wer wissen möchte, was es mit diesem Buch auf sich hat und wer einen Buchtipp der besonderen Art sucht, der sollte unbedingt weiterlesen.

Das Buch handelt von Pierre, einem gewöhnlichen Buchhalter aus Paris. Er verbringt bei seinem Freund François seinen Urlaub im Süden Frankreichs, auf einem sehr einfachen Anwesen auf dem Land. Dort stößt er auf eine geheimnisvolle Frau, die dort einsam und fern jeglicher Zivilisation ein Leben in geistiger Verwirrung verbringt. Pierre fasst einen selbstlosen Entschluss, der sein bisheriges Leben auf den Kopf stellt.

Die eigentliche Geschichte, also der Verlauf des eigentlichen Plots, ist bei Gasdanow zwar durchaus spannend, rückblickend aber nie etwas Besonderes. Was mich an seinen Büchern fasziniert, ist seine ruhige und rhythmische Sprachmelodie, diese wohlklingende Stil und dieser tiefe Ausdruck, der in seinen Worten liegt. Immer sind es die Figuren und ihre ganz eigene Gedankenwelt, die er zum Leben erweckt, die sehr authentisch und sehr echt wirken. In Erwachen ist sein Protagonist eher ein gewöhnlicher durchschnittlicher Typ. Wie er aber Pierre beschreibt, wie er seine Vergangenheit, sein Elternhaus, seinen ganzen Werdegang in Worte fasst, das ist einfach spannend zu lesen. Mir ging es bei diesem Buch wieder genauso, wie auch bei allen anderen seiner Bücher: Ich hatte das Gefühl, dass seine Sätze und Gedanken ganz dicht gefüllt sind und ich nur einen Teil davon erfassen kann. Zudem wollte ich ganz banal wissen, wie das alles ausgehen würde, wohin das führen und was aus den Figuren werden würde.

Am Anfang vermischt Gasdanow die Reise von Pierre in den Süden Frankreichs immer wieder mit Rückblicken auf sein bisheriges Leben. Das macht er sehr geschickt und es fühlt sich fast filmisch an, wie er die aktuelle Szene mit den Gedanken und Erinnerungen mischt. Im weiteren Verlauf lässt er den Leser dann an den Überlegungen seiner Figuren teilhaben und das ist einfach richtig gut. Er philosophiert, fragt nach dem Sinn im Leben seiner Protagonisten, lässt sie bewerten, die Situation, die Gesellschaft, die Menschen um sie herum und ganz im Allgemeinen. Und das alles, mit einer ganz harmonischen Stimme, mit einer Sprache, die fließt und den Leser schnell in den Bann zieht. Genau diese Betrachtung, dieses ruhige Bewerten der Situation und auch immer der Blick auf das große Ganze, hat eine Sogwirkung und genau das liebe ich an Gasdanows Schreibstil und genau darin bleibt er sich auch immer treu.

Erwachen zählt wie Die Pilger zu seinem Spätwerk, erschien 1965 und tatsächlich merkt man auch bei diesem Buch wieder den starken Unterschied zu seinen frühen Romanen. Dort ging es noch viel Stärker um das Gefühl des Fremdseins, der Verlorenheit in der Gesellschaft, das er sicherlich in seinen ersten Jahren im Exil in Paris selbst sehr stark verspürt hat. Als Gasdanow Erwachen geschrieben hat, da hatte er sicherlich seinen Platz gefunden und dennoch haben seine Figuren immernoch etwas von Verlassenheit, von Einsamkeit und wirken gesellschaftlich isoliert. Im Unterschied zu seinen frühen Romanen liegt der Fokus stark auf dem Thema des Gebrauchtwerdens, das immer wieder auftaucht und das seinen Figuren einen Sinn in einem sonst sehr leeren Leben gibt. Das war in Die Pilger so und ist auch diesmal ein zentraler Antrieb für seine Hauptfigur. Ich frage mich, warum das so ist, ob hier wieder Gasdanow selbst zum Vorschein kommt? Seine Figuren sind auf der Suche nach einem Sinn und das von einem einfach wirkenden Standpunkt aus. Es sind keine Raskolnikows, Bolkonskis oder Adujews, welche die großen russischen Autoren des 19. Jahrhunderts ihrer Feder haben entspringen lassen. Gasdanows Protagonisten streben nicht nach dem ganz Großen, fühlen sich nicht erhaben, sind nicht auf der Suche nach den Antworten auf die drängenden großen Fragen. Sie suchen für sich selbst nach einen Sinn im Leben. Selbst wenn Gasdanow, ganz in der alten Tradition, auch nicht vor den großen Fragen zurückschreckt, so sind es doch immer die ganz einfachen Lebensentwürfe seiner Protagonisten, die für ihn im Mittelpunkt stehen.

Ich fand auf jeden Fall Pierre und auch die beiden anderen Hauptfiguren sehr gelungen. Besonders eine Stelle, in der er über Pierres Eltern schreibt und über die letzten Momente, wie Pierre seinen Vater wahrgenommen hat, das hat mich schon berührt. Das war sehr real und bei der Lektüre hatte ich das Gefühl, dass in dem Text noch viel mehr steckt, als ich beim einmaligen Lesen wahrnehmen kann. So ging es mir bisher mit all seinen Büchern und ich werde sie sicher alle noch einmal lesen. Nicht nur wegen der schönen Sprachmelodie, die wie Musikhören auf mich wirkt, sondern auch, weil seine Bücher so viel beinhalten, was sich bei einer einmaligen Lektüre gar nicht alles erfassen lässt. Gegen Ende des Buches verliert sich Gasdanow ein wenig, was diesen Effekt für mich noch verstärkt hat. Beispielsweise wird Pierre dann von seinem Freund François besucht und plötzlich schweift dieser thematisch ab und legt seine Sichtweise auf das Leben dar, die sich nicht so recht in den Rest der Geschichte einfügt. Ich fand die Gedanken sehr gut formuliert und habe mich da durchaus wieder gefunden, nur im Rahmen des eigentlichen Verlaufs hat es irgendwie nicht so richtig gepasst. Laut Anmerkungen war in der Erstveröffentlichung das Kapitel auch nicht enthalten, sondern wurde erst später in der Werksausgabe aufgenommen.

Als ich letztes Jahr auf Die Pilger gestoßen bin, da hatte ich mich sehr gefreut, dass endlich wieder ein Buch von Gasdanow neu übersetzt wird. Allerdings war ich dann überrascht, dass das Buch beim Books on Demand Verlag erschienen ist. Einem Verlag, der eigentlich nur Bücher von Selfpublishern veröffentlicht. Nach Rückfrage bei BoD habe ich dann erfahren, dass das Buch tatsächlich von Jürgen Barck in Eigenregie übersetzt und veröffentlicht wurde. Ich hatte mit Jürgen Barck Kontakt aufgenommen und er hat mir das bestätigt. Ich finde das auch bei diesem zweiten Buch, das er nun als erstmalige deutsche Übersetzung vorlegt, sehr beeindruckend. Ganz ohne Verlag hat er das Buch in Eigenregie übersetzt, mit Anmerkungen und Nachwort versehen und komplett alleine neu aufgelegt. Das ist wirklich bemerkenswert, denn von seiner Qualität kann es mit einer Verlagsveröffentlichung definitiv mithalten. Von der Aufmachung von Die Pilger war ich letztes Jahr eher enttäuscht und auch hier hat Barck nochmal nachgearbeitet. Das Buch gibt es nun in gebundener Fassung mit neuer Umschlaggestaltung. Auch die Typographie ist sehr gut gewählt und sieht sehr gut aus. Mir gefällt auch der Aufdruck auf dem Hardcover, das mit Gasdanows Namenszug versehen ist. Man merkt zwar von der Verarbeitung schon noch, dass es ein Books on Demand Buch ist, aber vom Gesamtpaket bekommt man hier ein hervorragendes Buch. Man kann es Jürgen Barck nicht hoch genug anrechnen, dass er Gasdanows Bücher dem deutschen Publikum zugänglich macht.

Was die Qualität der Übersetzung angeht, so ist sie auf hohem Niveau. Das Buch liest sich angenehm flüssig und es hat den typischen Gasdanow-Stil, wie auch schon die Übersetzungen vom Hanser Verlag. Im Nachwort erläutert er auch noch einige Erwägungen zur Übersetzung des Titels und stellt noch einmal heraus, wie sehr Gasdanow akustische Stilelemente in seine Bücher eingebaut hat und wie stark sie der Charakterisierung seiner Figuren dienen. Ich habe das beim Lesen nur unbewusst wahrgenommen und zwar immer dann, wenn sich Gasdanows Sprachrhythmus wie Musik anfühlt, oder wenn einzelne Klänge tatsächlich in meiner Vorstellung zu hören waren. Auch einen Bezug zwischen dem Namen der Hauptfigur und einem Komponisten konstatiert Barck, was ich sehr interessant zu lesen fand und sich durchaus plausibel anhört.

Fazit: Dieses zweite Buch aus Gasdanows Spätwerk, das der Übersetzer Jürgen Barck in Eigenregie veröffentlicht hat, ist wieder ein sehr lesenswertes Buch, dessen Lektüre ich sehr genossen habe. Ich liebe Gasdanows Stil und es ist ein Genuss, seine hervorragend charakterisierten Figuren zu begleiten und ihren Gedanken zu folgen, die viel Tiefe haben, die an den kleinen und großen Fragen rühren und immer mit einer angenehmen sanften und melodischen Sprache vorgebracht werden. Auch wenn der Plot am Ende immer schlicht erscheint, so sind Gasdanows Bücher immer spannend und ich habe sie alle in kürzester Zeit verschlungen. Das gilt auch alles uneingeschränkt für Erwachen. Ein wunderbares Buch, das ich sehr empfehlen kann.

Buchinformation: Erwachen • Gaito Gasdanow • Books on Demand • 196 Seiten • ISBN 9783753424125

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