Schwarze Schwäne • Gaito Gasdanow

Diese Rezension ist ein kleines Novum, denn ich habe bisher nie unmittelbar nacheinander Bücher von ein und dem selben Autoren besprochen. Diesmal mache ich eine Ausnahme, denn es geht um einen meiner absoluten Lieblingsautoren und ich hatte das Glück, dass dieses Jahr gleich zwei Bücher von ihm erschienen sind. Über die Ankündigung von Schwarze Schwäne habe ich mich besonders gefreut, denn ich hatte gar nicht mehr mit einer neuen Übersetzung im Hanser Verlag gerechnet. Nachdem zwei seiner Romane (Die Pilger und Erwachen) ohne dem Zutun eines Verlages erschienen sind, hatte ich vermutet, dass sein Werk in kommerziellen Sinne ausgeschöpft ist. Ich war sehr neugierig, wie eine Sammlung von Erzählungen von Gasdanow wohl ist, denn die bisherigen Veröffentlichungen waren durchweg Romane. Dass es ein besonderes Lesevergnügen werden würde, war mir schon zu Beginn klar. Die Lektüre war dann im Verlauf allerdings doch überraschend für mich.

Neun Erzählungen hat die bekannte Hanser Übersetzerin Rosemarie Tietze ins Deutsche übertragen. Ursprünglich sind sie zwischen 1927 und 1960 erschienen und chronologisch angeordnet. Sie spielen in Russland und in Paris und sind thematisch breit gefächert. Das reicht von der Charakterisierung einer Revolutionärin (Genossin Brack) oder außergewöhnlichen Menschen (Martin Raskolinos oder Schwarze Schwäne) über Liebesgeschichten (Hannah) bis hin zu Momentaufnahmen (Hawaiigitarren). Manche der Erzählungen sind novellenartig pointiert, manche hingegen garnicht. Das Spektrum dieser Geschichten ist also recht breit.

Was haben alle die Geschichten gemein? Sie enthalten sehr oft Erinnerungen und immer wieder spürt man, dass sie autobiografisch geprägt sind. Wenn Gasdanow beispielsweise in Hannah über die Kinderheitstage seines Protagonisten schreibt, dann ist das deutlich herauszuhören. Manche Erzählungen haben diese Verlorenheit in der Fremde, die Gasdanows frühen Romane ausmachen, wo bei der Lektüre ganz deutlich zu spüren ist, wie er darin sein unfreiwilliges Exil in Paris verarbeitet. Besonders in Hawaiigitarren hatte ich hier wieder das Gefühl, dass ich auch schon bei seinem Roman Ein Abend bei Claire oder bei Das Phantom des Alexander Wolf hatte. Mit diesen Erzählungen bekommt man den vollen Gasdanow-Stil, wie er auch in seinen bekannten und erfolgreichen Romanen zu finden ist.

Die ersten beiden Erzählungen Genossin Brack und Martin Raskolinos fand ich unterhaltsam, hatten wieder die schöne feine Sprache Gasdanows und auch diese ganz besondere Stimmung, besonders wenn der Handlungsort Russland ist. Aus meiner Sicht war hier aber noch Luft nach oben, denn es gab keine deutliche klare Linie und sie haben sich eher wie Fingerübungen gelesen. Anders ausgedrückt: Ich habe mir da noch ein bisschen mehr erwartet und hatte damit gerechnet, dass es nun so dahin geht. Hawaiigitarren war dann von der Wirkung wie ein Eimer Eiswasser und für mich ein Wendepunkt beim Lesen. Das ist einfach so gut geschrieben, mit Gasdanows feiner und präziser Sprache, völlig nachvollziehbar, nachfühlbar, angefüllt mit einem sehr nachdenklichen Blick, mit einem Gespür für Details und alles weit weg von dem Erwarteten. Ich fand Hawaiigitarren sehr verwirrend und ich glaube es gibt da auch keine klare Linie und lebt vom Moment. Immer wieder schweift Gasdanow ab, oder startet breit gefächert, wie bei einem Trichter fängt er mit vielen verschiedenen Eindrücken an und wird dann immer genauer bis er plötzlich einem klaren Plot folgt, der zuvor nicht sichtbar war. Das macht er in mehreren seiner Geschichten und so entsteht jedes Mal eine dichte Atmosphäre.

Das nächste Mal war ich dann bei Schwarze Schwäne geflashed. Er beschreibt darin einen sehr begabten Exilrussen, der von seinem Lebenslauf erstaunlich an ihn selbst erinnert. Ich war begeistert davon, wie er diesen Menschen charakterisiert. Das ist einfach gut, das ist einfach wunderbar und es ist an keiner Stelle langweilig. Gasdanow schreibt das lebendig und man glaubt ihm das und wenn er dann ein Beispiel bringt, so als hätte er das alles tatsächlich erlebt, dann nimmt man ihn das ab, dann hält man das für absolut plausibel. Hier hat er wunderbare Sätze und Gedanken verarbeitet.

„Wie langsam der Nebel dahinzog! Ich hätte mich nicht gewundert, wenn in diesem Moment vor meinen Augen alles verschwunden wäre und sich verborgen hätte, ebenso wie, für mein Bewusstsein unmerklich, ein Bild meinem Gedächtnis entfällt, wenn ich über anderes nachzudenken beginne.“ (Hawaiigitarren, S. 76)

Für Gasdanow waren auch soziale Unterschiede und Geld ein Thema, was besonders in Die Befreiung und Der nächtliche Gefährte deutlich wird. Tatsächlich war Die Befreiung dann die Erzählung, mit der deutlichsten Pointe. Hinsichtlich der Betrachtung von Geld und ihre Wirkung auf die Menschen, wirkt Gasdanow etwas gewöhnlich, da konnte er mich nur begrenzt erreichen. Die Geschichten waren wieder gut geschrieben, für mich dann aber eher ein Zwischenspiel.

Die Erzählungen, die mich komplett geflashed haben, das sind die Liebesgeschichten. Allen voran Hannah. Ich weiß nicht, wie man so eine Geschichte schreiben kann. Oder um es möglichst intellektuell und kultiviert auszudrücken: Das ist einfach krass. Wie er Hannah beschreibt, seine Kindheit in Russland, ihr Wesen mit wenigen Sätzen und doch mit so viel Gefühl. Und was später daraus entspringt und wie sein Protagonist fühlt. Wie er diese Emotionen in wunderbaren Sätzen greifbar macht, mit so präzisen und wohlklingenden Worten, die fließen. Im Klappentext steht „Menschen[…]für deren Seelenlandschaften man keine verlässlichen Karten mehr hat“, was es genau trifft. Er wird mit dieser Geschichte der Komplexität eines sublimen menschlichen Geistes gerecht, der seinen Widerhall in den vielen kleinen Momenten hat, die sich irgendwo in dem Bewusstseinsstrom wieder finden, der da jeden Tag in jeder Minute abläuft. Diese Geschichte, Hannah ist mein absoluter Favorit und alleine diese Geschichte ist der Kauf des Buches wert. Auch in Der Eiserne Lord und Der nächtliche Gefährte verbirgt sich eine Liebesgeschichte, was allerdings erst später und mit weniger Deutlichkeit zutage tritt.

„Nachdem er das Allerschlimmste erlebt hatte, dessen Eintreten alles zerstörte und auch das Beste, was er im Leben gekannt hatte, sinnlos und inhaltslos werden ließ, begriff er nicht mit dem Verstand, sondern mit etwas anderem, unendlich Sensiblerem eine schlimme und unüberwindbare Wahrheit, die nicht in Worte zu fassen war und die all die unnützerweise existierende Welt in unaufhörliche und tödliche Traurigkeit versenkte.“ (Die Befreiung, S.149f)

Menschen und deren Gedanken wirken bei Gasdanow eigentlich immer ungewöhnlich, wirken oft völlig anders als das eigene Denken und sind doch nachvollziehbar. Sie erscheinen oft hart, kompromisslos und doch haben die Charaktere Herz und Gefühl und tragen etwas Zartes in sich, das weder zu ihren Lebensentwürfen, noch zu ihrem alltäglichen Handeln passt.

Gasdanow lebte von 1903 bis 1971, trat mit sechzehn Jahren der weißen Armee im russischen Bürgerkrieg bei und musste nach deren Niederlage über die Halbinsel Krim, die Türkei und Bulgarien fliehen und gelangte 1923, mit zahlreichen anderen russischen Emigranten, nach Paris. Dort arbeitete er in einfachen Tätigkeiten als Lastenträger, Mechaniker und fuhr viele Jahre Nachts Taxi, während er tagsüber an der Sorbonne studierte. All diese Erfahrungen kommen auch in den Erzählungen vor und finden dort ihren Platz. Trotz literarischer Erfolge blieb seine finanzielle Situation schwierig und er fuhr bis 1952 Taxi, um sich seinen Lebensunterhalt zu finanzieren.

Die Übersetzung von Rosemarie Tietze ist wie gewohnt hochwertig und liest sich sehr angenehm. Gasdanows ganz eigener Stil ist deutlich zu spüren. Das Nachwort fällt kurz aus und bietet einige interessante Informationen, ebenso wie die Anmerkungen, ist aber leider nicht so umfassend, wie bei der Hanser Klassiker Reihe. Leider hat das Buch, wie schon die anderen Bücher von Gasdanow, kein Lesebändchen und keinen Leineneinband. Allerdings ist es auch nicht Teil der bekannten und höherpreisigen Klassiker Reihe. Die Umschlaggestaltung passt gut zu den anderen Büchern von Gasdanow, die bisher beim Hanser Verlag erschienen sind. Am Schönsten war hier ja der Umschlag von Nächtliche Wege, da wirkt dieses Buch eher schlicht, aber aufgeräumt und ganz solide.

Fazit: Schwarze Schwäne ist eine Sammlung von Erzählungen, die sehr lesenswert ist und auf sehr hohem Niveau unterhält. Einzelne Erzählungen, wie Hannah, Schwarze Schwäne oder Hawaiigitarren haben mich sehr begeistert und emotional sehr erreicht. Gasdanows feine und präzise Sprache ist einfach wohlklingend und sehr angenehm zu lesen. Die Charakterisierung seiner Figuren ist meisterhaft und ihre ungewöhnliche Art zu denken ist sehr spannend, tiefsinnig und voller Gedanken, die zu verfolgen sehr faszinierend ist. Hier findet sich der in Paris gestrandet Gasdanow, der im Exil verloren ist und den der Leser aus seinen frühen Romanen kennt. Mit allem was dazu gehört, seinen Erinnerungen an Russland, den unklaren Gefühlen eines nachdenklichen Geistes und mit dem nachsichtigen und einfühlsamen Blick auf seine Mitmenschen. Gasdanow ist einer der faszinierendsten und besten Autoren, die ich kenne und bisher hat mich keines seiner Bücher enttäuscht. Schwarze Schwäne ist ein wunderbares Buch, das in keinem Bücherregal fehlen sollte und das ich auf jeden Fall noch einmal lesen werde.

Buchinformation: Schwarze Schwäne • Gaito Gasdanow • Hanser Verlag • 272 Seiten • ISBN  9783446267510

2 Kommentare

  1. Hallo Tobi,

    ich muss zugeben, ich habe von Gasdanow noch gar nichts gelesen… „Nächtliche Wege“ wartet hier aber schon seit längerem, und deine Rezension hier erinnert mich daran!

    Hoffentlich komme ich bald endlich mal dazu, was du über den Autor schreibst, macht mich sehr neugierig auf seinen Stil!

    LG,
    Mikka

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