Die Pilger • Gaito Gasdanow

Es gibt Autoren, die haben eine so schöne geschliffene und geschmeidige Sprache, dass die Lektüre ihrer Bücher in meinen Ohren wie Musik klingt und ich dann an vielen Stellen tatsächlich das Gefühl habe, dass ich einer schönen Melodie lausche und weniger geschriebenen Worten. Ich könnte nicht benennen, woran das genau liegt, denn bei genauerer Betrachtung erscheinen mir dann die Satzkonstruktionen nicht so ausgefallen oder besonders, dass sie diesen Effekt erklären würden. Auch der Inhalt hat keine Struktur, die diesen Effekt erklären würde. Vielleicht liegt es an der Gesamtkomposition, daran, wie der Autor dem Leser seine Gedankenwelt preis gibt und wohl auch die ganz eigene Art zu denken und das Gedachte auszudrücken. Und es liegt wohl auch an dem Leser, dessen Denken ähnlich strukturiert sein muss, damit darin diese besonderen Saiten zum Klingen kommen. Ein Autor, der das mit jedem seiner Bücher immer wieder bei mir schafft, ist Gaito Gasdanow. Neun Romane hat er geschrieben, von denen vier Stück vom Hanser Verlag neu übersetzt und veröffentlicht wurden. Seitdem suche ich immer mal wieder nach Gasdanow, um zu sehen, ob es endlich wieder etwas neu übersetztes von ihm gibt. So auch die vergangene Woche. Und tatsächlich tauchte ein neues Buch von ihm auf. Aber aus einer ganz unerwarteten Ecke, aus der ich nie mit einem Buch von ihm gerechnet hätte.

Als Verlag wurde für Die Pilger Books on Demand, oder kurz BoD genannt. Eigentlich kenne ich BoD nur aus der Selfpublisher-Szene. Dort kann jeder, ohne großen Aufwand und Kosten, sein Buch veröffentlichen, dass dann mit ISBN und allen drum und dran überall im Buchhandel bestellbar ist. Dort tauchte Die Pilger von Gaito Gasdanow auf und wurde als neu ins Deutsche übersetzte Spätwerk beworben. Das Buch wurde von Jürgen Barck übersetzt und mit einem Nachwort versehen und schien wohl seine erste Übersetzung zu sein, denn im Netz oder in den verschiedenen Bücherdatenbanken findet man rein gar nichts über ihn. Ich habe mich also gefragt, ob Barck selbst das Buch bei BoD eingestellt hat. Möglicherweise tritt aber auch BoD selbst als Verlag auf und um darüber Genaueres zu erfahren, habe ich mich bei BoD erkundigt. Recht schnell habe ich eine Antwort bekommen und tatsächlich hat Jürgen Barck das Buch auch selbst eingestellt und bei BoD publiziert.

Ich konnte Kontakt mit Jürgen Barck aufnehmen und er war auch so freundlich, mir einige meiner Fragen zu beantworten. Für Mitte des Jahres ist ein Veröffentlichung von Gasdanows Roman Erwachen geplant. Während Erwachen ebenfalls dem Spätwerk zuzordnen ist, soll dann nächstes Jahr Gasdanows zweiter Roman Die Geschichte einer Reise (1934/35) folgen. Als Barck vor einigen Jahren Die Rückkehr des Buddha in deutscher Übersetzung entdeckt hatte, war er nach wenigen Seiten von diesem Buch so begeistert, dass er das Original weitergelesen hat. Leider hat der Hanser Verlag keine weiteren Romane von Gasdanow übersetzt, wohl auch aus unternehmerischen Gründen, denn sein zuletzt übersetzter Roman Nächtliche Wege hat sich wohl nicht wie erwartet verkauft. Also hat Barck sich entschlossen, diese Lücke zu fühlen und den Roman selbst zu übersetzen. Eine aufwändige Arbeit, die viel Erfahrung in der russischen Sprache abverlangt und Barck hat, ganz gemäß den Ansprüchen der meisten gegenwärtigen Übersetzer, eine möglichst wortgetreue Übersetzung angestrebt. Das Ergebnis kann sich aus meiner Sicht sehen lassen und definitiv auf dem Niveau, das man von den etablierten Übersetzern der bekannten Verlage gewohnt ist.

Das Buch erschien ursprünglich in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts und handelt von Róbert, dem reichen Sohn eines Fabrikbesitzers, der zwar gebildet und sehr belesen ist, aber in seinem Wohlstand von Ziellosigkeit und Langeweile geplagt wird. Da begegnet er in dem Pariser Rotlichtviertel der jungen Jeanine und verliebt sich in sie. Ihr allseits gefürchtete Zuhälter Fred betrachtet sie aber als sein Eigentum und so kommt es zum Konflikt. Ein Roman, der also ein wenig wie ein Krimi wirkt, sich dann aber in einer eher unerwarteten Richtung entwickelt.

Von seiner Erzählweise ist das Buch typisch im Stile von Gasdanow. Seine bisher in deutscher Sprache übersetzten Bücher sind zumeist eine Mischung aus Autobiographie und Fiktion. Gasdanow, der in seiner Jugend im russischen Bürgerkrieg in der weißen Armee gekämpft hat, war nach dem Sieg der Bolschewiki aus Russland geflohen und nach einigen Zwischenstationen in Paris gelandet. Dort lebte er im unfreiwilligen Exil und seine Bücher strahlten genau das aus, handelten immer von russischen Emigranten, die in der Fremde gestrandet und immer irgendwie einsam und verloren wirken. Menschen, die mit sich selbst ringen, die mit einem sehr tiefen Blick auf die Welt um sich herum blicken, versuchen zu abstrahieren, kultiviert wirken und dennoch immer die Außenseiterrolle einnehmen. Von genau diesem Sujet ist in diesem Buch nichts mehr zu spüren. Hier scheint Gasdanow tatsächlich in der Pariser Gesellschaft angekommen zu sein. Alle Akteure sind französischer Herkunft und fest in ihrem Umfeld verwurzelt. Dabei erschafft Gasdanow verschiedene Figuren, die er sehr schön individuell beschreibt, die aber auch Stereotypen darstellen. Den reichen Fabrikantensohn, die, aus armen Verhältnissen stammende angehende Prostituierte, der ebenfalls aus einem prekären Umfeld entstammende Kleinkriminelle. Alle in dem Buch auftretenden Figuren stellen Menschen dar, die einen ganz typischen Lebensweg gehen und Gasdanow stellt zur Disposition, ob das genau so sein muss, ob diese ganzen Leben genau so ablaufen müssen, ob all die Rahmenbedingungen zwingend zu einer festen Biografie führen, oder ob ein Mensch aus diesem Biotop ausbrechen und sein Leben selbst bestimmen kann.

In diesem Rahmen taucht auch immer wieder die Frage nach dem Sinn des Lebens auf und so mutet das Thema wieder typisch existentialistisch an, ganz im Sinne der Moderne und dieser Zeit und erinnert fast ein wenig an Camus, wie er seine Philosophie beispielsweise mit Der Fremde in einen Roman verpackt hat. Auch Gasdanow kommt zu einem Ergebnis und seine Figuren finden in ihrer Hilfe und Fürsorge für ihren Nächsten die Bestimmung und erblicken und fühlen erst darin einen Sinn in ihrem Leben. Das habe ich als etwas platt und eindimensional empfunden, auch wenn das Resumé sehr schön ist.

Gasdanows Stil zu schreiben ist wieder sehr prächtig und ich liebe es, den Überlegungen seiner Figuren zu folgen. Zu sehen, wie sie mit den Fragen ringen, die sich jedem Menschen einmal in den Weg stellen, die jeden Einzelnen betreffen und bei keinem Autoren wie ihm spürt man, wie ergebnislos dieses Nachdenken ist und wie wichtig es dennoch ist zu überlegen, was das alles hier soll und zu sehen, wie sich die Antworten in all diesen Gedanken verlieren, weil es viel wichtiger ist, sich diese Fragen zu stellen, als eine klare Antwort darauf zu finden. Das verpackt er geschickt in sehr schöne Sätze.

Nur hin und wieder befiel ihn plötzlich eine durchscheinende Traurigkeit – eben weil alles so wunderbar war. Dann überlegte er, wie groß doch die Distanz zwischen all dem Tragischen und Negativen war, was seine Vorstellung von Welt und menschlichem Leben einst ausmachte und dem, was er nun fühlte, eine Distanz, die scheinbar hatte überwunden werden müssen und in keine Theorie passte. (S. 140)

Mit der Geschichte selbst ging es mir, wie mit all seinen Büchern, sie ist unterhaltsam, aber nur eine Facette von vielen. Betrachtet man sie für sich, ist sie unspektakulär, in der Gesamtkomposition ist es allerdings eine runde Sache. Ich habe das Buch wieder verschlungen, fand dass die Spannungskurve sehr ungleichmäßig verlief, war aber immer von einem der Elemente gefesselt. Einmal waren es die Figuren und wie er sie einführt und darstellt, ein andermal ein spannendes Element in der Story, dann wieder die philosophischen Überlegungen der Charaktere. Gasdanow konnte einfach schreiben und wer mich nun fragt wieso, dem könnte ich das nicht beantworten. Vielleicht, weil seine Art zu denken und die Dinge zu sehen sehr kompatibel mit der meinen ist.

Das Buch selbst ist von der Aufmachung und Verarbeitung kein großer Wurf. Eine billige Klebebindung, der Druck, die Schrift und das Cover finde ich nur mäßig schick. Dafür ist es preislich in einem ordentlichen Rahmen und am Ende ist der Inhalt entscheidend. Die Übersetzung und die Qualität vom Text finde ich gelungen und erschien mir durchaus hochwertig und auf dem Niveau, wie man es grundsätzlich von Verlagen bekommt. Da kann man nicht meckern. Auch die Anmerkungen und das Nachwort haben mir sehr gut gefallen. Barck schwafelt hier nicht herum sondern hat griffig und prägnant die Unterschiede zwischen seinem Spätwerk und seinen populären Büchern dargestellt.

Fazit: Mit dieser unerwartet erschienenen Erstübersetzung von Gasdanows Buch Die Pilger stelle ich hier einen echten Geheimtipp vor. Ich liebe Gasdanows Bücher und auch wenn dieses nicht an seine großen Werke heran reicht, fand ich es wunderbar geschrieben, unterhaltsam, wieder angenehm philosophisch und dennoch spannend. Den Leser erwartet keine ausgefallene Geschichte, aber eine runde Gesamtkomposition, die überzeugen kann und die Frage danach stellt, was ein Menschenleben ausmacht, worin der Sinn liegen könnte und welche Bedeutung Kultur für den Einzelnen haben kann. Das Buch selbst ist nicht sonderlich hübsch, aber preislich absolut im Rahmen und jeden Cent wert. Es hat den Untertitel „Spätwerk I“, ich freue mich also auf eine Fortsetzung und werde mir auf jeden Fall jede weitere Übersetzung von Gasdanow holen. Zu sehr liebe ich seinen Stil und lausche der Melodie seiner Worte.

9 Kommentare

  1. Spannende Hintergrundgeschichte was die Übersetzung angeht. Finde ich ziemlich cool, dass Herr Barck dieses Projekt vorgenommen hat.

    Von Gasdanow selbst kenne ich bisher nur den Namen. Der Alexander Wolf liegt hier immerhin seit kurzem ungelesen im Regal. Aber so wie du schreibst, scheint es sich ja zu lohnen. Ich bin gespannt drauf, wenn ich denn mal dazu komme.

    1. Lieber Florian,

      also ich kann dir nur empfehlen rasch zu dem Buch zu greifen, denn „Das Phantom des Alexander Wolf“ fand ich das beste von Gasdanow. Die Geschichte und seine Figuren, besonders aber auch sein philosophischer Blick auf die Welt, da ist einfach alles perfekt. Und das Buch ist schnell gelesen, seine Bücher sind ja alle ziemlich dünn.

      Ich finde das auch sehr genial, dass Herr Barck das so komplett in Eigenregie macht und die Bücher überhaupt einem deutschen Publikum so zugänglich macht.

      Herzliche Grüße
      Tobi

    1. Lieber Moritz,

      vielen lieben Dank für Deine netten Worte, das freut mich natürlich sehr, dass meine Rezension angenehm zu lesen ist.

      Herzliche Grüße
      Tobi

    1. Liebe Anneli,

      herzlichen Dank für Deinen Kommentar, das ist ja klasse, dass ich Dich von dem Buch überzeugen konnte. Allerdings gibt es das Buch dann auch bei Thalia nur zu bestellen, das ist ja BoD, also wird dann erst gedruckt, wenn es jemand bestellt. Aber es lohnt sich, und natürlich auch die Bücher, die bereits bei Hanser erschienen sind.

      Liebe Grüße
      Tobi

  2. Hat Hanser neben „Die Rückkehr des Buddha“ und „Nächtliche Wege“ nicht auch noch „Ein Abend bei Claire“ und „Das Phantom des Alexander Wolf“ übersetzt? Die ersten 3 Romane (2012 bis 2016) wurden von Rosemarie Tietze übersetzt, „Nächtliche Wege“ in 2018 dann von Christiane Körner. Wenn sich dieser Roman nicht so gut verkauft haben sollte – kann das an der neuen Übersetzerin liegen? Ich habe das auch nur im Kopf, weil ich diesen Herbst den Abend bei Claire lesen will und vorrangig wegen Tietze zugeschlagen habe. Sowas spielt ja auch ne Rolle beim Kauf. Kannte Tietze noch von Karenina.

    Tietze hat für Hanser auch noch „Glück“ übersetzt, welches allerdings nur als ebook verfügbar ist.

    1. Ich bin mir nicht sicher, ob der wohl eher mangelnde Erfolg von „Nächtliche Wege“ auf die Übersetzerin zurückzuführen ist. Gasdanow ist glaub ich nicht für jeden etwas und vielleicht konnten die vorhergehenden Romane nicht so überzeugen, so dass der letzte dann nicht mehr gekauft wurde. Ist das tatsächlich so, dass Du aufgrund des Übersetzers ein Buch kaufst? Wobei Tietze natürlich hervorragend ist, soweit ich das beurteilen kann. Ich habe damals auch die Anna Karenina Ausgabe von ihr gelesen und das ist schon perfekt.

      „Glück“ gab es einmal auch als Printversion, als exklusive 5plus Edition, auch von Tietze übersetzt. Die hatte ich mir damals natürlich geholt. Aber die Geschichte fand ich nicht so gut, die war dann mit etwas mehr als 50 Seiten einfach zu kurz.

      Liebe Grüße und herzlichen Dank für Dein Feedback
      Tobi

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