Winnetou • Karl May

Nachdem Karl May mit seinem Winnetou momentan in aller Munde ist, war das für mich Anlass zu den ersten Band von Winnetou zu greifen und einmal selbst zu lesen, was dort dem Leser so geboten wird. Bisher habe ich nur die Reiseerzählungen von May gelesen, hatte aber bereits die drei Winnetou-Bände in meinem kleinen Regal ungelesener Bücher liegen. Vor ein paar Jahren habe ich sie aus dem Bücherschrank gezogen, für alle Fälle, es ist ja immer besser das ein oder andere Buch lieber mal im Haus zu haben. Gekauft hätte ich mir die Ausgabe nicht, denn die Bücher aus dem Bamberg Verlag finde ich deutlich schöner. In dem Beitrag möchte ich das Buch vorstellen und dabei auch einen kleinen Seitenblick zur aktuellen Diskussion um Karl May wagen.

Vom Inhalt ist das Buch schnell umrissen (natürlich wie immer ohne zu spoilern). Der Ich-Erzähler ist frisch in den Staaten angekommen und wird erst einmal in St. Louis als Hauslehrer sesshaft. Schnell wird von den Einheimischen sein Geschick und seine herausragenden Fertigkeiten erkannt und er wird angeheuert für Vermessungen zum Bau der Eisenbahn in den wilden Westen zu ziehen. Als Greenhorn, heute würde man Newbee oder gar Noob sagen, muss er sich natürlich erstmal seine Sporen verdienen. Dazu bekommt er auch Gelegenheit und den Leser erwartet das komplette Wilder-Westen-Programm, mit allem was so dazu gehört. Natürlich Indianer, Prärie, Büffeljagd, spannende Kämpfe, Jagd nach wilden Pferden, Marterpfahl, Schleichen und Indianer ausspionieren, Schleichen und Cowboys ausspionieren, Friedenspfeife schmauchen, Prügeleien, raue Gesellen am Lagerfeuer, coole Sprüche, Zigarren schmauchen, wilde Kämpfe, also praktisch alles was man sich so erwartet.

Was für mich an Karl May bemerkenswert ist, das sind die primitiven Erzählmittel, welche wiederum so hervorragend arrangiert sind, dass es wieder eine Kunst für sich ist, solche Geschichten zu schreiben. Winnetou ist in der Ich-Perspektive aus Sicht von Old Shatterhand geschrieben, der sozusagen frisch aus Deutschland angereist kommt und nun den Wilden Westen kennenlernen möchte. Dabei ist der Protagonist eine völlig überzogene heroische Figur, ein Superheld der vielleicht ein Greenhorn ist und vieles zum ersten Mal sieht oder probiert, der es aber dermaßen drauf hat, dass für den Leser klar ist, dass er immer siegreich aus jedem Konflikt hervorgeht. Das Buch besteht dann aus verschiedenen aufeinanderfolgenden Situationen, in der Old Shatterhand praktisch immer in Bedrängnis kommt und sich jedes Mal mit Bravour aus jeder Misere zieht. Mit übermenschlicher Kraft, mit übermäßiger Klugheit und Einfallsreichtum und mit übertriebenen Geschick. Der Leser weiß das nach kurzer Zeit und sieht das Ungemach kommen und freut sich schon darauf, mit was für einer Finte Old Shatterhand wieder vor allen anderen brilliert. Karl May spielt also ganz bewusst mit der Eitelkeit des Lesers und daher ist die Wahl der Ich-Perspektive und der Hintergrund der Figur, ein junger Deutscher, auch perfekt gewählt, dürfte es doch dem damaligen Publikum recht leicht fallen, sich mit dem Protagonisten zu identifizieren. Das schöne Setting, das oft gar nicht so umfangreich beschrieben wird und meist nur mit wenigen Sätzen und Worten akzentuiert wird, sorgt dafür, dass dem Leser viel Raum für die eigenen Phantasie bleibt und eine sehr bildhafte Vorstellung vom Geschehen vor dem geistigen Auge entsteht.

Auf dieses Superhelden-Leser-Narzissmusschmeichel-Stilmittel bin ich immer wieder gestoßen, das findet man auch in aktuellen Büchern sehr oft wieder, beispielsweise in Der Name des Windes von Patrick Rothfuss. Und dass gerade in Deutschland Karl May mit diesen Schema so erfolgreich war, gibt auch einen Einblick in die deutsche Seele. Seine Figuren kommen aus Deutschland, bereisen die Welt und sind den anderen Menschen eigentlich in allen Belangen immer komplett überlegen. Und ist es nicht auch jetzt so, beobachtet man die aktuellen politischen und gesellschaftlichen Diskussionen, so scheint die moralische Überlegenheit, die hierzulande die Menschen vor sich hertragen, genauso ausgeprägt, wie man sie in Karl Mays Büchern wieder findet. Daher bin ich überzeugt, dass genau dieser Erzählstil in der Gegenwart hierzulande ebenfalls sehr erfolgreich wäre und würden die Menschen aufhören über irgendwelche Verfilmungen zu debattieren, die sie nie gesehen haben, sondern würden sie anfangen Karl Mays alte Bücher einmal selbst zu lesen, sie würden sie vermutlich lieben und verschlingen.

Winnetou zu lesen ist wirklich ein Vergnügen (einmal im Leben auch als Nerd ein Superheld sein), sind die Geschichten mit ihren vielen aneinander gereihten Showdowns doch einfach eine spannende Lektüre. Und es macht natürlich Spaß in die Welt des Wilden Westens einzutauchen und genau diese spannenden Abenteuer zu erleben, wo hinter jeder Ecke ein wildes Tier, ein raues Bleichgesicht oder ein Indianer auf Kriegspfad lauert. Das funktioniert einfach, das muss man einfach sagen. Wenn auch für mich nur in begrenzten Rahmen, denn nach einem Buch ist es auch wieder gut, dann wiederholt sich das Schema zu sehr und nutzt sich ab und wird langweilig.

Karl Mays Bücher waren sehr erfolgreich, wurden millionenfach gekauft und gelesen. Nicht nur in Deutschland, sondern auch weltweit und die Erzählungen wurden in mehr als 33 Sprachen übersetzt. Bemerkenswert ist, dass Karl May zum Zeitpunkt, als er seine Reiseerzählungen oder auch Winnetou geschrieben hat, die Handlungsorte nie besucht hat. Er hat ausführlich recherchiert und sein Wissen aus Büchern zusammengetragen. Das ist schon eine echte Leistung und das bewundere ich schon sehr. Das macht einen begabten Autoren einfach aus und Jules Verne hat das mit seiner Jangada auch meisterhaft umgesetzt, als er über den Amazonas schrieb, den er nie in echt gesehen hat.

Wie sieht es nun mit Rassismus aus, ist die aktuelle Diskussion berechtigt? In diesem Winnetou Buch konnte ich keine rassistischen Aussagen oder Ansichten finden. Im Gegenteil, Karl May ergreift Partei für die Indianer und verurteilt den Raub ihres Landes durch die Weißen. Ich habe gelesen, dass es in seinen Büchern durchaus rassistische Äußerungen gibt (beispielsweise antisemitische Aussagen) aber zumindest in Winnetou konnte ich davon keine entdecken. Lediglich zwei unpassende Vergleiche mit dunkelhäutigen Menschen tauchen auf, die würde ich aber als aus der Zeit entsprungen betrachten und sie vermitteln nun keine rassistische Ideologie. Das Bild, das er von den indigenen Ureinwohnern zeichnet ist natürlich sehr klischeehaft, da kommt wirklich alles vor: die Friedenspfeife, das „hough ich habe gesprochen“, der Marterpfahl, das Kriegsbeil, sogar das Indianergeheule mit der wedelnden Hand vor dem Mund. Aus jetziger Perspektive macht genau das natürlich die Stimmung auch aus und es dürfte klar sein, dass das viel Kitsch ist und mit der Realität nur bedingt in Einklang zu bringen ist. Man darf aber nicht vergessen, dass das einfach Unterhaltungsliteratur ist. Man kauft sich ja auch keine Schmonzette, die in Paris spielt und regt sich dann auf, wenn das Liebespaar sich dann vor dem nächtlichen Eifelturm ganz klischeehaft küsst. Wer einen realistischen Einblick in die Stadtgeschichte von Paris haben möchte, der muss sich geeignete Literatur besorgen und ganz genauso verhält es sich mit der historischen Betrachtung der Kultur der indigenen Bevölkerungsgruppen Nordamerikas. Hinzu kommt, dass Karl May mit seinen Büchern gerade bei Jugendlichen durchaus das Interesse an fremden Kulturen wecken und eine intensivere Beschäftigung mit dieser fördern kann. Ich habe mich zumindest dabei ertappt, wie ich nach dem ein oder anderen Detail gegoogelt habe, ob das wirklich so war. Wie immer liegt es am Leser und am Umfeld des Lesers. Auch hier gilt für mich: Ich glaube an die geistige Selbstständigkeit meiner Mitmenschen, sie brauchen kein betreutes Denken. Auch dann nicht, wenn sie zu anderen Schlüssen kommen als ich, denn das macht für mich eine freie Gesellschaft und Demokratie aus.

Von seiner sprachlichen Ausgestaltung ist Karl Mays Stil sehr schlicht und konnte mich wenig begeistern. Das liest sich zwar alles angenehm schnell und ohne Anstrengung, aber die Sätze sind einfach nicht besonders melodisch und es entsteht nicht dieser eigene angenehme Klang, den ich bei guten Klassikern oft finde und so genieße. Ich finde in den Büchern auch nicht das schön Altbackene, das gerade ältere Ausgaben von Klassikern oft anhaftet und ich sehr gerne habe, weil darin auch immer etwas Nostalgisches liegt. Wer also schöne Sätze sucht, der wird hier nicht fündig und das ist bei anderen Autoren großer Abenteuerromane durchaus anders.

Ein paar Bücher von Karl May habe ich schon gelesen und mich gefragt, wieso die Verlockung zu einem weiteren Buch von ihm zu greifen, bei mir zu gering ist. Das liegt an der erwähnten schlichten Sprache, das liegt aber auch daran, dass hier andere Autoren einfach deutlich mehr im Angebot haben. Jules Verne hatte mit seinen erfinderischen Ideen und der stimmungsvollen Umsetzung seiner Geschichten immer etwas Faszinierendes. Oder Jack London, dessen Romane auch immer ganz elementare Fragen des Lebens und Menschseins aufgeworfen hat, bis hin zu einfachen metaphysischen Überlegungen. B. Traven hat auch wunderbare Abenteuergeschichten geschrieben und er portraitiert dabei immer hervorragend die gesellschaftlichen und menschlichen Abgründe und das mit einer sprachlichen Gewandtheit, die der von Karl May deutlich überlegen ist. Die klassische Abenteuerliteratur aus Mays Zeit hat auch einige andere Werke, die unbekannter Natur sind, mir aber deutlich besser gefallen haben, wie beispielsweise Mali, der Schlangenbändiger von Louis Rousselet. Was ich damit sagen möchte: Karl May ist sehr unterhaltsam und liefert durchaus sehr lesbare Qualität, reiht sich aber eher im Mittelfeld ein. Da gibt es für mich noch deutlich lesenswertere Abenteuerliteratur.

Interessant fand ich auch das Nachwort dieser Ausgabe, das von Dr. Wilfried Nölle geschrieben wurde. Es umreißt die damalige Situation der Nachkommen der Indianer in Nordamerika. Die Ausgabe ist von 1963, also hat sich seitdem wohl einiges getan. Er beton nochmal deutlich, dass Karl May keine Ethnographie der Stämme Nordamerikas schreiben, sondern schlicht den Leser unterhalten wollte.

Fazit: Winnetou ist eine unterhaltsame und spannende Geschichte und der Leser bekommt hier alles geboten, was ein alter Abenteuerroman ausmacht. Karl May versteht es mit seinem einfachen Stil Spannung zu erzeugen. Durch seinen überzeichneten Protagonisten und den permanenten Gefahrensituationen, in die dieser sich immer wieder findet, bleibt das Buch durchgehend unterhaltsam. Dieses Schema wiederholt sich allerdings permanent, der Leser weiß das und verspürt dabei natürlich die Vorfreude des Wissensvorsprung, gleichzeitig nutzt sich diese erzählerische Struktur während des Lesens dann aber auch schnell ab. Mit wenigen Worten zeichnet May ein Bild von der Kulisse und bedient hier alle Erwartungen, die es beim Leser bezüglich des Wilden Westens gibt, mit Indianern, der Prärie, wilden Kämpfen und all den Klischees. Sprachlich ist das Buch eher schlichter Natur und auch eine tiefere Aussagekraft sucht der Leser hier vergeblich. Insgesamt liest sich Karl May aber auch nach all den vielen Jahren noch immer sehr angenehm, flüssig und ist einfach spannend geschrieben. Ein Meisterwerk der Weltliteratur ist das Buch sicher nicht, aber durchaus empfehlenswerte Unterhaltungsliteratur.

Buchinformation: Winnetou Band 1 • Karl May • Bertelsmann • 443 Seiten • Ausgabe von 1963

19 Kommentare

  1. Lustigerweise habe ich das Buch vor wenigen Wochen erneut gelesen – noch bevor die aktuelle Winnetou Diskussion losging. Ich wollte einfach wissen, ob mich das Buch noch genau so wie in meiner Kindheit/Jugend fesseln kann. Ich muss sagen, ich finde es nach wie vor grossartig, eines seiner besten Bücher imo — und ich habe als Jugendlicher fast alle Bücher von Karl May gelesen.

    Auch ich konnte keinerlei Rassismus in den Büchern entdecken,. Die Ausgabe, die ich habe, hat zudem eine Einleitung – natürlich ist diese im Kontext seiner Erzählung geschrieben, aber man darf durchaus der Ansicht sein, dass dort eine Meinungsäusserung getätigt wurde, in der der „weisse Mann“ meines Erachtens nicht sehr gut wegkommt.

    Zum Schluss: der Vergleich mit Jack London und B. Traven ist ein wenig unfair, da beide in ihren Büchern auch tatsächlich Erlebtes verarbeitet haben. Bei Karl May ist es ja soviel ich weiss eher umgekehrt: seine bekanntesten Werke sind _vor_ den ausgedehnten Reisen entstanden, deshalb würde ich sagen, dass viele Bücher von Jack London und B. Traven wesentlich authentischer sind.

    Trotzem: Karl May hat wirklich grossartig geschrieben, auch die weniger bekannten Werke, z.B. deren Geschichten in Deutschland angesiedelt sind, sind wirklich lesenswert. Das einzige, was mich beim erneuten Lesen etwas gestört hat (ich habe in diesem Zuge auch nochmals „Unter Geiern“ sowie „Halbblut“ gelesen): gefühlt jede zweite Figur ist deutschstämmig und er muss schon ein wirklich sehr überzeugter Christ gewesen sind. Trotzdem hatte ich aber nie den Eindruck, dass er die Deutschen oder allgemein die Christen als „Übermenschen“ darstellt.

    1. Lieber Harald,

      ein cooler Zufall, dass Du kurz vor der Diskussion das Buch gelesen hast. Die alten Abenteuerromane kann man einfach lesen, die sind einfach unterhaltsam, auch wenn sie einen vielleicht nicht so sehr faszinieren, wie damals als Kind oder Jugendlicher.

      Der Vergleich mit London und Traven rührt natürlich daher, dass sie auch zu den großen Abenteuerromanciers gehören. Wie erwähnt ist es einfach eine Leistung, rein aus der Phantasie so eine Geschichte zu schreiben. Ich muss gestehen, nach einer kleinen Pause werde ich auf jeden Fall wieder zu May greifen und mir den zweiten Band durchlesen. Durch die einfache Struktur ist man da auch sofort wieder drinnen.

      Das würde ich auch nicht sagen, dass die Weißen oder gar die Deutschen bei ihm grundsätzlich die überlegenen sind. Der Protagonist ist es aber immer und das kommt natürlich beim Leser schon gut an, genauso wie das Rache-Sujet (das Dumas mit seinem Monte Christo bedient) immer irgendwie funktioniert. Ich finde, man merkt ganz deutlich, dass die meisten Leute, die groß diskutieren, die Bücher nicht gelesen haben, oder es ist schon so lange her, dass eine Beurteilung, ob die Bücher rassistisch sind oder nicht, gar nicht mehr möglich ist.

      Liebe Grüße und vielen Dank für Dein Feedback!!
      Tobi

  2. Vielen herzlichen Dank für Deine Rezension zu Karl Mays „Winnetou“.
    Genau dieses Niveau, diese Toleranz und mehrdimensionelle Sichtweise wünsche ich mir bei den doch teils hitzigen Diskussionen um die verschiedensten Klassiker, egal ob Buch oder Film, die mir irgendwie immer das Gefühl geben, dass Konsumenten solcher diskriminierender (das ist die Meinung und der Eindruck Einzelner, nicht Meiner) Werke, als unmündig und beschränkt hingestellt werden, ohne benutzbares Hirn zwischen den Ohren und ohne Wissen um die heutig gültigen Gesellschaftsregeln.
    Und genau Dieselben predigen von Toleranz.
    Das ist für mich „Sprechen mit gespaltener Zunge“.

    Many Words short….
    nochmals vielen vielen Dank für Deine Meinung zu Winnetou, die einfach Klasse ist und seinesgleichen in Sachen Toleranz, Ehrlichkeit und mehrdimensionalem Betrachten sucht.

    1. Liebe Josephina,

      vielen lieben Dank für Deinen Kommentar und das positive Feedback. Mein Gefühl ist, dass bei vielen, die hier groß diskutieren, die Lektüre von Karl May schon viele Jahre zurück liegt. Oder einfach basierend auf der Erinnerung an die Verfilmungen irgendwie interpretiert wird. Rein sachlich betrachtet sind die Vorwürfe aus meiner Sicht nicht haltbar.

      Liebe Grüße und nochmal herzlichen Dank
      Tobi

  3. Das Buch steht neuerdings auch auf meiner Leseliste: Zeichen dafür, dass derzeitige Bevormundungs-Kampagnen genau das Gegenteil erreichen: May wird wieder verstärkt gelesen — und ich grinse hämisch.
    In jungen Jahren war May völlig an mir vorübergegangen. Im zarten Alter von 45 habe ich aus purer Neugier mal zu einem Karl May-Buch gegriffen, „Durch die Wüste“, wollte nur hineinlesen. Aber dann habe ich es mit Vergnügen ganz durchgelesen. Als Erzähler finde ich May ziemlich stark, das macht er einfach gut. Dass der Held in jeder Lebenslage die absolute Kontrolle hatte, ließ mich oft schmunzeln, das kann man mit Humor nehmen. Mein Leseindruck deckt sich auffällig mit dem hier für Winnetou geschilderten. Vor ca. drei Jahren habe ich noch „Der Fürst der Bleichgesichter“ gelesen, war auch okay. Rassistisches gegen Indianer: Fehlanzeige.
    Demnächst lese ich also Winnetou. Und zwar erst recht.

    1. Lieber Lucien,

      ich bin mir auch sicher, dass diese Diskussion sehr für Karl May wirbt und auch einige dazu motiviert, zu den Büchern zu greifen. Und das sind schon schöne Geschichten, die er schreibt. „Durch die Wüste“ habe ich auch gelesen und das ist schon einfach gut und das ist einfach ein Abenteuer im Orient, das einen komplett in die Welt aus Tausendundeiner Nacht entführt. Klar, da ist viel Klischee auch dabei, aber das macht auch die Stimmung aus. Und es ist so, wie Du schreibst, man schmunzelt bei der Lektüre schon oft und weiß, dass da halt auch viel erdacht ist, was aber immer der Geschichte gut tut, die er erzählt.

      Genau so soll es sein: jetzt erst recht. Oder anders: Dem eigenen Gusto folgen und das lesen, wonach einen der Sinn steht. Und wenn da was dabei ist, was einzelnen soziokulturellen Gruppen nicht gefällt, dann stört mich das auch wenig.

      Liebe Grüße
      Tobi

  4. „Mit übermenschlicher Kraft, mit übermäßiger Klugheit und Einfallsreichtum und mit übertriebenen Geschick. Der Leser weiß das nach kurzer Zeit und sieht das Ungemach kommen und freut sich schon darauf, mit was für einer Finte Old Shatterhand wieder vor allen anderen brilliert. Karl May spielt also ganz bewusst mit der Eitelkeit des Lesers und daher ist die Wahl der Ich-Perspektive und der Hintergrund der Figur, ein junger Deutscher, auch perfekt gewählt, dürfte es doch dem damaligen Publikum recht leicht fallen, sich mit dem Protagonisten zu identifizieren.“

    Sicher kein Zufall, dass Hitler n Fan war. Hitler/ Karl May -Wiki schreibt: „In den ersten Monaten nach seiner Ernennung zum Reichskanzler verfiel Hitler in eine Art Müßiggang und las alle 70 (?) Bände, von denen er im Krieg später behauptete, dass sie ihm die Augen für die Welt geöffnet hätten.“

    Gehts im Tenor bei Winnetou-Filmen/ Büchern nicht grundsätzlich darum, dass die überlegenen Weißen die unterlegenen Ureinwohner bekämpfen und vertreiben? Die Indianer können sich nur mit Hilfe eines weiteren Weißen behaupten. Alleine wären sie von der Erde getilgt worden – zumindest ist es das, was ich von den Filmen zurückbehalten habe. Du schreibst ja, dass Shatterhand als so ne Art Übermensch dargestellt wird. Finde ich gar nicht problematisch, so war halt der Zeitgeist. Doch wie kann man darin keinen Rassismus erkennen?

      1. Dass wir die Figur Winnetou mögen liegt daran, dass er der Europäer unter den Indianern ist. Wir spiegeln uns in ihm wieder. Freundschaft, Hilfsbereitschaft, Streben nach Gerechtigkeit. Wie viele Indianer vom Schlage Winnetous gibt es denn bei Karl May? Er ist die Ausnahme, einer von ganz wenigen mit ner positiven Ausstrahlung. Die meisten werden als Wilde und rückständig dargestellt. Und das alles, ohne diese Gruppe je kennengelernt zu haben. Karl May ist voll von Klischees. Und das ist, was Rassismus ausmacht. Aber es ist halt 19. Jhd, von daher ist die ganze Diskussion absurd.

        1. Allein in „Winnetou I“ gibt es andere „indianische“ Charaktere ausser Winnetou, die diese Charakterzüge teilen – genauso gibt es weisse verabscheuungswürdige Bösewichte. Wie viele Bücher von Karl May hast Du denn tatsächlich gelesen, um zu Deiner Meinung zu kommen? Dein Urteil würde vielleicht anders ausfallen, hättest Du die von Karl May verfasste Einleitung in „Winnetou I“ gelesen.

          1. Na, gelesen hab ichs wie viele andere auch als Kind (allerdings nicht die Winnetou-Reihe, sondern Unter Geiern und Schatz im Silbersee). Auch die Filme habe ich schon lange nicht mehr geschaut. Mich interessiert Karl May heute nicht mehr, habs unter Kindheit weggetan. Deshalb muss ichs aber nicht romantisieren.

            Dass es weitere positive Indianerfiguren gibt, streite ich gar nicht ab. Apanatschi fällt mir da ein. Doch sieht Uschi Glas jetzt wie ne Rothaut aus oder wie ne attraktive, junge Europäerin? Auch in ihr – zumindest im Film – erkennen wir Europäer eher uns selbst als ne Rothaut. In der Regel schreien die Indianer rum, schwingen das Beil, tanzen wild ums Feuer, stellen ihre Gefangenen an den Marterpfahl, treiben Medizinkunst etc. Der aufgeklärten Gesellschaft unterlegene Wilde halt.

          2. Die Filme habe ich wiederum nicht gesehen, aber für die Filmadaption kann man ja auch nicht Karl May verantwortlich machen 😉

    1. Die Argumentation halte ich auch für etwas dünn. Hitler war auch Richard Wagner Fan und deshalb ist seine Musik nun auch nicht automatisch rassistischer Natur und steht deswegen auch nicht am Pranger.

      Mays Protagonisten mögen als Superhelden ausgelegt sein, aber die Figuren darum herum nicht. Auch seine weißen Figuren stinken sehr oft ordentlich ab und sind entweder den Indianern deutlich unterlegen oder Halunken. Es ergibt sich sicher nicht die Lesart, dass nur dank der weißen Menschen die Indianer gerettet werden können. Im Gegenteil, May zeichnet in Winnetou Band 1 schon das Bild, dass die Ureinwohner wohl unter dem gewaltigen Eindringen der Weißen verdrängt werden. Es geht keineswegs darum, dass also die überlegenen Weißen die Indianer retten können. Das ist weder das Thema der Bücher und betrachte ich die Romane von ihm, die ich gelesen habe, dann würde ich auch nicht bei einer übergreifenden Betrachtung das schlussfolgern. May wollte einfach unterhalten, mehr nicht. Alles andere halte ich für hineininterpretiert und das geht ja immer, das aus einem Werk herauslesen, was man auch herauslesen möchte.

      1. Nur kurz: Wagners Mime in „Siegfried“ oder Beckmesser in den „Meistersingern aus Nürnberg“ tragen antijüdische Züge. Wir erkennen diese nur nicht mehr, weil wir nicht mehr mit dem antisemitischen Gedankengut leben wie zu Wagners Zeiten (laut Kulturwissenschaftler Jens Fischer anno 2013). Dass Wagner nicht am Pranger steht ist doch nun ein Witz. In Israel seit 1938 nicht mehr aufgeführt.

        So ne Diskussion will ich nicht führen.

        1. Na sorry, also als Merkel zu den Wagner-Festspielen nach Bayreuth getuckert ist (und noch tuckert) hat sich auch niemand aufgeregt. Wagner ist gesellschaftlich voll akzeptiert, während nun May mit seiner Unterhaltungsliteratur durchs Dorf getrieben wird. Das ist schon lächerlich und Wagner ist hier als Gegenbeispiel perfekt, denn bei ihm wäre es mit seinem deutlichen Antisemitismus mal angebracht sich aufzuregen. Der Witz ist die ganze Diskussion.

          1. Wird Karl May denn durchs Dorf getrieben? Das ist dein Eindruck. Letztlich wurde n Buch zu nem Film vom Markt genommen, welches gar nicht von May stammt. Da haben dann einige gleich nen Angriff auf Karl Mays Lebenswerk gesehen und aus ner Mücke nen Elephanten gemacht. Da wurde schlichtweg Content geschaffen. Karl May wird weiter Bestand haben. Deshalb muss ich aber nicht alles Unpassende passend machen.

            Und ja, diese Diskussion ist n Witz. Der Hauptwitz ist dabei, dass es überhaupt zu einer solchen Kontroverse ausgeartet ist. Übrigens der gleiche Blödsinn wie bei den russischen Klassikern.

          2. Das ist das Absurde, dass es gar nicht mehr um das ursprüngliche Buch ging, sondern medial auf Karl May ausgeweitet wurde. Und die Parallele zu den russischen Klassikern passt sehr gut, das ist was ganz Ähnliches. Aber insgesamt finde ich solche Diskussionen auch wieder ganz unterhaltsam und sie rücken Literatur in den Mittelpunkt, was auch nicht so super oft vorkommt. Zumindest nicht mit dieser großen Aufmerksamkeit. Deshalb hab ich das auch hier auf dem Blog zum Thema gemacht.

            Vielen Dank auf jeden Fall für Deine Kommentare. Ich finde es schon sehr spannend zu lesen, wie das Thema hier gesehen wird, wo doch primär Vielleser unterwegs sind.

            Liebe Grüße
            Tobi

  5. Lieber Tobi,
    danke das Du das Thema aufgegriffen hast. Denn es ist ein (un-)schönes Beispiel, wie ein absolut illiterarischer Zeitgeist, eine ältere Literatur offenbar bewusst missversteht.
    Es gibt in Mays Werken Dutzende, wenn nicht hunderte Stellen, in denen er den Kolonialismus der Weißen gegenüber den Ureinwohnern in aller Deutlichkeit anklagt. Wer dies ignoriert, hat May weder gelesen, noch verstanden.
    Viele Bücher von ihm habe ich mehrfach gelesen, je nach Alter natürlich unterschiedlich reflektiert.
    Nachdem mir unlängst eine völlig überschätzte Mainstream-Klamotte die Leselaune fast verdorben hatte, griff ich Mal wieder zu einem Band Karl May – da weiß man hat 🙂

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