Atlas der maritimen Geschichten und Legenden • Cyril Hofstein

Ich liebe Bücher über das Meer und ich liebe bibliophile und schöne Ausgaben und wenn beides zusammen trifft, dann bin ich eigentlich immer dabei. Über den Atlas der maritimen Geschichten und Legenden bin ich zufällig gestoßen, als ich im Urlaub in einem kleinen Ort nahe der Ostsee über einen Bücherladen gestolpert bin. Dort lag es aus und ist mir sofort ins Auge gesprungen, da es mich sofort an den Atlas der abgelegenen Inseln von Judith Schalansky erinnert hat. Wahrscheinlich ist das auch kein Zufall, denn die Aufmachung und auch die inhaltliche Ausgestaltung sind doch auffallend ähnlich. Was aber ein gutes Zeichen ist, denn ich liebe diese Atlanten und habe einige Bücher dieser Art im Schrank stehen.

Rund um das Meer und die Seefahrt ranken sich viele Mythen und es gibt unzählige Sagen und Legenden, Seemannsgarn und Geschichten und dieser Atlas sammelt einige davon und stellt sie dem Leser in kurzen Kapiteln vor. Dabei wurden sie nach Regionen gruppiert, also Geschichten aus den „Meeren und Küsten des Abendlandes“, „Von der Ostsee bis in den hohen Norden“, „Meere und Küsten des Morgenlandes“, „Die Karibik“ und „Vom Pazifik bis zum Indischen Ozean“. Jedes Kapitel umfasst eine bis drei Seiten und stellt dem Leser ganz unterschiedliche Geschichten und Legenden vor. Da findet der Leser eine sehr vielfältige Palette an Begebenheiten, wie Expeditionen ins Polarmeer, Schiffbrüche, Geschichten über Schiffwracks, oder der Vasa, einem Schiff dass in Stockholm gebaut und das bei der Jungfernfahrt noch im Hafen gesunken ist, die Sage vom fliegenden Holländer wird vorgestellt, oder es geht um eine Affäre um ein großes Segelschiff, darum wie ein Schiff die Pest nach Europa brachte, oder über das Stranden des Schoners Grafton, welche die Vorlage für Jules Vernes Roman Die geheimnisvolle Insel war. Ein bunter Strauß an Geschichten also.

Jedes der Kapitel hat auf der rechten Doppelseite eine Karte mit dem Ort des Geschehens und der genauen Geoposition. Eine ganz kleine Karte in der oberen linken Ecke zeigt, wo auf der Weltkugel der Kartenausschnitt verortet ist. Jedes Kapitel hat auch einen Untertitel, der nochmal einen kleinen Teaser für den Text gibt (beispielsweise den Verweis auf Jules Verne).

Ich fand die kurzen Kapitel sehr unterhaltsam und es ist ein Genuss, das Buch zu lesen und sich von Geschichte zu Geschichte treiben zu lassen. Gerade die Vielfalt sorgt dafür, dass es nie langweilig wird und man einfach immer weiter lesen möchte. Besonders wenn es um Schiffbruch und das Stranden geht, ist meine Faszination geweckt. Sehr interessant fand ich eine Geschichte über das Wrack der Vrouw Maria, die 1771 in finnischen Hoheitsgewässern mit einigen wasserdicht verpackten Gemälden von Katharina der Großen sank. Erst 1999 fand man das Wrack und nun erheben Finnland und Russland Anspruch darauf. Finnland lässt das Schiff rund um die Uhr bewachen und es wird wohl nicht gehoben und das Geheimnis, ob die Gemälde noch intakt sind, für immer für sich behalten. Ebenfalls sehr spannend ist die Expedition der Erebus und der Terror, die gestartet ist um eine Nordwestpassage durch das Polarmeer zu finden. Und natürlich ist das Kapitel über Jules Vernes Grafton sehr spannend. Insgesamt ist es eine sehr schöne Auswahl an Geschichten, wobei ich nicht das Gefühl habe, dass dieser Atlas auch nur im Ansatz darauf abzielt vollständig zu sein.

Die Aufmachung des Buches ist mit seinem Teilleinen und dem farblich abgestimmten Lesebändchen sehr bibliophil. Die Schriftarten sind handverlesen gewählt und das Layout ist schön aufgeräumt, der Vorsatz ist farbig und auch die Karten kommen mit einem stimmigen Stil. Die Leerräume der einzelnen Kapitel sind mit Illustrationen versehen, die an Elementen aus Seekarten erinnern. Und das Buch hat eine Fadenheftung. Es liegt also sehr gut in der Hand und ist ein echtes Schmuckstück fürs Bücherregal. Es ist inhaltlich genauso wie haptisch ein Vergnügen, das Buch zu lesen.

Dennoch gibt es ein paar Punkte, die mich gestört haben und die will ich nicht unerwähnt lassen. Zum einen sind das die kurzen Textzitate, die in groß gedruckter Schrift in den Kapiteln eingestreut sind. Das ist eigentlich ein Stilmittel, das ich nur von Zeitschriften kenne, wo der Leser motiviert werden soll, einen Artikel zu lesen. In einem Buch finde ich das irgendwie unangebracht, denn ich habe diese großen Auszüge dann nicht mehr gelesen und ausgeblendet, denn sie kommen ja im Text in den Kapiteln vor. So etwas hat in einem Buch einfach nichts zu suchen. Im Detail kann das Buch zudem von der Gestaltung nicht ganz mit dem ersten und schönsten Atlas der abgelegenen Inseln mithalten. Die Karten, die Illustrationen der Seekartenelemente und auch die Zwischenseiten für die einzelnen Meerregionen fand ich vom Stil etwas zu schlicht und modern. Ebenso die serifenlose Schriftart des Haupttextes. Auch der Vorsatz wäre mit einer bedruckten Karte schon schöner gewesen. Der kleine runde Globus, der für jedes Kapitel markiert, wo auf der Weltkugel der Kartenausschnitt verortet ist, ist aufgrund seiner kleinen Größe schwer zu erkennen. Es ist zweifellos ein wunderschönes Buch, aber es ist nicht vollendet perfekt. Aber insgesamt ist das Jammern auf hohem Niveau, das muss man schon sagen und der Leser bekommt hier ein absolut hochwertiges und gelungenes Buch.

Fazit: Der Dumont-Verlag zeigt mit dem Atlas der maritimen Geschichten und Legenden, dass trotz der Menge an Atlanten dieser Art es immer noch möglich ist, ein wunderschönes und lesenswerten Atlas über das Meer zu veröffentlichen. Mir hat das Buch sehr gut gefallen, ich fand die vielen kleinen unterschiedlichen Geschichten rund um das Meer und die Seefahrt unterhaltsam und habe das Buch schnell verschlungen. Mit seiner bibliophilen Ausstattung und der gelungenen Aufmachung ist es ein Schmuckstück für das Bücherregal und auch als ausgefallenes Büchergeschenk hervorragend geeignet. Die perfekte Lektüre für einen entspannten Abend und ein Buch, dass ich ganz sicher nochmal aus dem Schrank hervorholen werde.

Buchinformation: Atlas der maritimen Geschichten und Legenden • Cyril Hofstein • DuMont • 136 Seiten • ISBN 9783832169015

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