Ein Leben und Auf See von Maupassant habe ich ja bereits mit Begeisterung rezensiert und nach diesen hervorragenden Büchern war klar, dass ich unbedingt einige seiner Novellen lesen möchte. Damit ist Maupassant der Autor von dem ich dieses Jahr am meisten gelesen habe. Seine Art zu Schreiben und seine Art seine Botschaft auf eine dezente Art zu vermitteln, haben erst eine subtile, dann eine ganz deutliche Wirkung auf mich. Für mich zählt er zu meinen absoluten Lieblingsautoren.

Insgesamt 300 Novellen hat Maupassant verfasst und konnte von seinem Erfolg ganz gut leben. Handlungsort von Ein Leben war die Normandie, von Auf See die Côte d’Azur und beide Orte begegnen uns auch in seinen Novellen wieder. Auch einige Personen wie Tante Lison (mit einer Szene, die genau so in Ein Leben vorkommt) tauchen wieder auf. Das Buch beginnt mit der von Flaubert hoch gelobten Geschichte Boule de Suif, mit der Maupassant 1880 auch seinen Durchbruch hatte und die mit 80 Seiten auch die Umfangreichste ist. Fünfzig Novellen sind es insgesamt, wobei viele nur wenige Seiten umfassen.

Die Geschichten handeln immer von Menschen, von der Gesellschaft und davon, wie diese miteinander umgehen und in ganz unterschiedlichen Situationen oft ganz typisch reagieren. Es sind ganz kurze Episoden, die eine bestimmte Situation oder Begebenheit beschreiben und die Reaktionen der Menschen beobachtet. Angefangen vom Umgang der sozialen Schichten miteinander, dem Aufeinandertreffen von Besatzer und Besetzten, vom Umgang mit einem behinderten Familienmitglied, bis hin zum Gefühlsleben einer ewigen Jungfrau. Völlig unterschiedlich sind die Themen, doch legen sie in jedem Fall das Unvermögen menschlichen Schaffens in Gesellschaften so offen dar, das man doch oft erschrickt. Was er hier beschreibt entspricht, wenn auch seine Geschichten erfunden sind, der Wirklichkeit und auch wenn vieles zeitgenössische Bezüge hat, so hat er den Kern der Menschen sehr gut getroffen.

Viele seiner Novellen haben aber auch die Ehe, die Beziehung zwischen Mann und Frau und der Liebe zu tun. Die haben mir besonders gut gefallen, denn hier schwingt oft auch ein ganz feiner Humor mit, eine manchmal zynische, manchmal wohlwollende Stimme. Der Unterhaltungswert ist hier auf jeden Fall sehr hoch. Andere haben mich dann vom Ausgang echt überrascht und manchmal möchte man die Hände über den Kopf zusammenschlagen. Maupassants Figuren müssen schon echt was aushalten, also ich bin froh, dass ich kein Produkt seiner Phantasie bin.

Die Novellen haben mich manchmal an Gerhard Polts Fast wia im richtigen Leben erinnert, einer Fernsehserie aus den 80er Jahren, die in Sketchform das spießige Bürgertum der Deutschen auf die Schippe genommen hat. Dort werden auch in kurzen, überspitzten Episoden skurrile Situationen des Alltags gezeigt. Polt hat sich hier als ebenso scharfer Beobachter gesellschaftlichen Schaffens gezeigt, wie das Maupassant zu seiner Zeit gemacht hat.

Ausgehend von Maupassants Erzählungen aus Auf See wird klar, dass er die Gesellschaft mit der falschen und vorgeschobenen, höchst biegsamen Moral der Menschen verabscheut. Autoren wie Alexandre Dumas oder Victor Hugo haben sehr umfangreiche und emotional packende Bücher um dieses Thema geschrieben, tausende Seiten gefüllt und den Leser so mit auf eine Reise genommen und das menschliche Versagen so greifbar gemacht. Maupassant ist hier viel minimalistischer, viel eleganter und subtiler unterwegs. Mit wahnsinnig viel Feingefühl schafft er es, die vielen Feinheiten menschlicher Kommunikation und zwischenmenschlicher Bezüge greifbar zu machen. Häufig nur durch Andeutungen und der Beschreibung kurzen Handlungen. Mit einem desillusionierten Blick schaut er auf das Treiben seiner Mitmenschen und der Gesellschaft seiner Zeit und lässt an ihnen nur wenig Gutes. Manche humorvolle Szenen stimmen dann aber versöhnlich und nachdem was ich über ihn gelesen habe, trifft das wahrscheinlich auch sehr gut seine Persönlichkeit. Hin- und hergerissen zwischen etwas, das ihn von den Menschen abstößt, das aber auch nicht ohne die Gesellschaft auskommt.

Fazit: Guy de Maupassants Novellen sind purer Lesegenuss. Nach der Lektürer von nur zwei, drei Novellen kann man nicht mehr aufhören und verschlingt neugierig die unterschiedlichen und einfallsreichen Geschichten. Von Eheleuten und Liebenden, von armen und reichen Menschen, von tadelhaften und tugendhaften Wesen, von ehrbar und völlig verrohten Menschen reicht die Palette und bietet darüber hinaus noch viel mehr. Mit einer gewissen Einfachheit, aber einer gehörigen Portion Tiefgang beleuchtet Maupassant verschiedenste, zum Teil schicksalhafte Situationen, zum Teil amüsante Episoden im Leben höchst unterschiedlicher Menschen. Dabei beweißt er, dass er es verstanden hat, die Menschen seiner Zeit zu beobachten und ein Bild der Gesellschaft zu geben, das manchmal überspitzt, aber immer höchst realistisch ist.

Wertung in Sternen

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Über das Buch

Novellen Band 1 von Maupassant

Titel: Novellen Band 1
Autor: Guy de Maupassant
Verlag: Manesse Verlag
Übersetzung: N. O. Scarpi
Erschienen: 17. September 2007
Erstveröffentlichung: um 1880 (Boule de Suif)
Seiten: 688 Seiten

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verfasst von Tobi

    8 Kommentare

  1. Merowinger 8. Oktober 2015 at 20:22 Antworten

    Momentan stehe ich Maupassant noch etwas skeptisch gegenüber. Bisher habe ich „Ein Leben“ gelesen welches mich nicht so recht überzeugen konnte. Womöglich habe ich einfach eine schlechte Übersetzung erwischt, jedenfalls waren die Namen der Personen eingedeutscht worden was ich als wenig authentisch empfand. Ebenso fand ich das Verhalten und Denken der Protagonistin teils etwas arg naiv. Kein Vergleich mit z.B. Jane Eyre. Wenn mich „Bel-Ami“ überzeugen kann, das ich in der Reclam-Ausgabe hier habe, werde ich vielleicht doch noch zu den Novellen oder der wunderschönen Mare-Ausgabe von „Auf See“ greifen.

    • Tobi 9. Oktober 2015 at 8:48 Antworten

      Hast du die aktuelle Mare Ausgabe von „Ein Leben“ gelesen? Die hat mir sehr gut gefallen und auch von den Namen ist mir da nichts aufgefallen. Die Übersetzung ist ziemlich gut und angenehm zu lesen.

      Jeannes Persönlichkeit fand ich durchaus authentisch. Wenn man bedenkt, dass sie zum Beginn der Geschichte gerade 17 Jahre ist und aus dem Klosterinternat kommt, dann will Maupassant natürlich deutlich machen, wie sie von ihren Eltern von der Welt abgeschirmt und behütet wird und auch danach noch in der Obhut der Eltern verbleibt. Im Verlauf greift er dann natürlich zu den Mitteln, mit denen auch Hugo oder Flaubert nicht sparen: Er übertreibt ein wenig, um seine Botschaft deutlich zu machen. Damit, dass Jeanne völlig passiv bleibt. So ist sie ein Gegenentwurf zu seiner eigenen Mutter, die mit den Kindern seinen untreuen Vater verlassen hat. Bei „Bel-Ami“ dreht er aus meiner Sicht nicht ganz so auf wie er das bei „Ein Leben“ macht. Verglichen mit Hugos Jean Valjean oder Flauberts Emma ist Maupassant aber sehr gemäßigt.

      Es freut mich auf jeden Fall, dass diese schönen Klassiker noch gelesen werden. Und dass du hier deine Gedanken teilst, was zu Klassikern hier nicht so oft passiert. Danke dafür!

      Liebe Grüße
      Tobi

      • Merowinger 9. Oktober 2015 at 9:12 Antworten

        Aber gerne doch. Im Grunde lese ich seit Monaten hauptsächlich verschiedene Klassiker, die Sprache ist einfach schöner, heute wirkt viel geschriebenes dagegen plump und ungeschliffen. Besonders irische Literatur von Synge oder Yeats hat mich in den letzten Monaten begeistert.

        Nein, leider habe am falschen Ende gespart und dieses Ausgabe gelesen: http://amzn.to/1VIl4VV Jeanne wird durchweg Johanna genannt und ihre Mutter nennt sie „Mutting“ (ein Begriff der mir so noch nicht bekannt war).

        • Tobi 9. Oktober 2015 at 20:14 Antworten

          Ich bin da geteilter Meinung. Manche aktuelle Bücher sind echt gut geschrieben und können leicht mit Klassiker mithalten (denke da z.B. an „Der Klang der Zeit“ von Richard Powers, das eine wunderbare Sprache hat. Bei den großen Klassiker weiß man aber, dass man mit ziemlicher Sicherheit was echt Gutes bekommt.

          Krass, also Jeanne mit Johanna zu übersetzen ist natürlich krass. Mit Übersetzungen hatte ich bisher immer Glück, greife aber auch meistens zu den Ausgaben der großen Verlage (dtv, Hanser) oder eben dem Mare Verlag.

          Liebe Grüße
          Tobi

          • Merowinger 10. Oktober 2015 at 19:38

            Danke für den Tipp, wird vorgemerkt. Natürlich lese ich auch zeitgenössische Literatur. Ich mag z.B. David Foster Wallace, Jeffrey Eugenides und Philip Roth sehr gerne. Oder deutsche Autoren wie Sven Regener, Clemens Meyer oder Wolfgang Herrndorf.

            In den meisten Fälle bevorzuge ich auch größere Verlage, mein Favorit ist wohl Suhrkamp, sie verlegen eigentlich im Grunde den Großteil meiner Lieblingsautoren. Zwischendurch gebe ich aber auch mal kleineren Verlagen eine Chance, so bin ich vor kurzem auf die günstigen Klassiker vom marixverlag gestoßen.

        • Devona 10. Oktober 2015 at 22:01 Antworten

          Das ist dann definitv eine grottige und untragbare Übersetzung, Hilfe, ich bin fassungslos. „Johanna“ und vor Allem „Mutting“ (gibt`s das Wort ÜBERHAUPT?) kenne ich nicht und ich habe Maupassant bereits vor 30 Jahren in Deutsch gelesen. So kann man Lesern Literatur verleiden.

  2. Merowinger 9. Oktober 2015 at 9:15 Antworten

    (Ich sehe gerade dass es wirklich an der Übersetzung liegt. Diese Ausgabe enthält die gleiche Übersetzung und man beachte die Rezension: http://amzn.to/1FVU1EH)

  3. Pingback: Novellen Band 2 von Guy de Maupassant 19. Februar 2016 at 10:48

    […] Zeit, dass ich mir auch den Band 2 seiner Novellen aus dem Manesse Verlag einverleiben würde. Den ersten Band habe ich bereits rezensiert und es stellt sich vielleicht die Frage, wieso ich ausgerechnet den […]

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