Honoré de Balzac ist auf diesem Blog immer wieder ein Thema, was daran liegt, dass er einer meiner liebsten Autoren ist und ich eigentlich immer wieder etwas von ihm lese. Sein Romanwerk, Die Menschliche Komödie besteht aus über 90 Romanen und unzähligen Figuren, die er immer wieder auftreten lässt und die zusammen ein Sittenbild der französischen Gesellschaft zur Zeit der Restauration gibt. Spannend und fesselnd sind seine Geschichten und alle einfach richtig gut erzählt. Von Balzac werde ich nie genug bekommen und als mir dieses Buch mit zwei kurzen Geschichten sozusagen zugeflogen kam, musste ich es einfach haben und lesen. Das besondere dabei ist, dass Balzac diese beiden Grotesken nicht in seine La Comédie humaine aufgenommen hat. Sie zählen zu seinem Frühwerk und was dem Leser hier in aller Kürze geboten wird, das erfährt der geneigte Balzac-Leser in den folgenden Zeilen.

Zwei kurze Geschichten enthält dieses Büchlein, die jeweils knapp 70 Seiten umfassen. Die Komödie des Teufels erschien 1831 und spielt in der Hölle, in welcher der Teufel beschließt ein Theater zu bauen und darin von seinen Dienern eine Komödie aufführen zu lassen. Die in zwei Teilen angelegte Groteske, also eine „verzerrte Darstellung der Wirklichkeit“, spielt dabei satirisch auf politische und philosophische Begebenheiten an. Ursprünglich erschien sie in zwei Zeitschriften und hat den Geschmack des damalige Publikum gut getroffen, das für witzig-geistreiche Satire sehr zugänglich war. Es ist gespickt mit Seitenhieben und ist voll mit Spott und Anspielungen. Wie das Nachwort sehr passend konstatiert, entspricht es vom Stil ungefähr dem, was heutzutage das politische satirische Kabarett darstellt, „das der Politik mit intelligent-hintergründigen Pointen und überspitzten Seitenhieben den entlarvenden Spiegel vorhält“ (vgl. S 142). Das trifft es sehr gut.

Diese erste Groteske konnte mich nur bedingt begeistern. Sie hat zahlreiche Bezüge zu politischen und philosophischen Situationen und Einsichten der damaligen Zeit, die tatsächlich oft komisch sind und einem zum Schmunzeln bringt. Alleine schon wer bei Balzac alles in der Hölle hockt und wer im göttlichen Paradies weilt ist irgendwie skurril. Oder wenn Ludwig XVIII. und Napoleon im Publikum schwatzen und Napoleon abwinkt und sich fragt, wieso er sich „mit all diesem Unsinn da oben ständig herumgeschlagen [hat]“ (S. 46). Gleichermaßen lebt diese Geschichte genau von dieser Satire und bei sehr vielen Zusammenhängen hat mir dann einfach der historische Hintergrund gefehlt, um deren Spitzfindigkeit zu verstehen. Die Ausgabe hat zwar sehr hilfreiche und gute Anmerkungen, die ich beim Lesen auch immer wieder als Nachschlagewerk genutzt habe, für einen Genuss der feinen Seitenhiebe reicht das oft aber dann nicht aus.

Der Pakt, 1821 erschienen, ist eine Ich-Erzählung eines jungen Spaniers, der mit dem Teufel einen Pakt eingeht und die Fertigkeit bekommt in die Haut jedes beliebigen Menschen zu schlüpfen, um dessen Leben sozusagen zu übernehmen und weiter zu leben. Der unzufriedene junge Mann probiert sich dann in den verschiedensten, für ihn erstrebenswerten Leben und schildert was ihn dort widerfahren ist. Diese kurze Geschichte habe ich als ganz unterhaltsam empfunden. Es ist interessant zu lesen, wie der junge, ehrgeizige und wenig tugendhafte Spanier seine Erfahrungen macht und am Ende zu einem ganz bizarren Resumé kommt. Auch hier müssen einige bekannte Persönlichkeiten den ein oder anderen Seitenhieb einstecken, insgesamt steht hier aber die Story und die Erfahrungen des Protagonisten im Mittelpunkt.

Das Nachwort dieses Büchleins ist sehr empfehlenswert, da es diese beiden Grotesken in den Kontext von Balzacs gesamten Schaffen stellt. Es ist gemeinhin bekannt, dass Balzac immer wieder einen recht aufwendigen Lebenswandel und auch immer wieder Geldsorgen hatte. Um Geld in die Kasse zu bekommen, hat er allerlei Unternehmungen betrieben. Trotz der starken Kritik, die er in vielen seiner Werke dem Journalismus angedeihen lässt, war er selbst doch immer wieder für Zeitschriften tätig. Mit hoher Produktivität hat er immer wieder Artikel verfasst und aus diesem Bestreben heraus, sind diese beiden Geschichten entstanden und orientieren sich dadurch auch stark am Geschmack der damaligen Leserschaft. In diesem Buch hat der Leser die Gelegenheit diese eher unbekannte Seite von Balzac kennenzulernen.

In Summe konnten mich die beiden Texte aber nicht richtig begeistern. Balzac steht für mich für seine spannenden Romane der menschlichen Komödie, in der verschiedenste Menschen aus den unterschiedlichsten Schichten meisterhaft charakterisiert und immer in eine aufregende Geschichte eingebettet werden. Dabei abstrahiert er auch immer wieder, stellt philosophische und ganz menschliche Züge in einem allgemeinen Licht dar, was den Büchern unglaublich viel Tiefe gibt. Diese Kombination findet der Leser in diesen zwei Grotesken eben nicht. Auf der einen Seite fand ich es spannend zu sehen, wo die Ursprünge für genau diesen abstrahierenden Blick kommen und wie Balzac seine schriftstellerische Fingerfertigkeit geübt hat. Aber das geht doch auf Kosten des Lesevergnügens. Es ist allerdings auch falsch, diese Texte mit seinen großen Romanen zu vergleichen. Aber irgendwie mach ich das dann doch automatisch, denn wenn auf einem Buch Balzac steht, dann denke ich an die Romane, die mich völlig geflashed haben. Die Evastochter, Ursule Mirouët, Honorine oder Béatrix sind einige meiner absoluten Favoriten und Romane, die ich nicht mehr so schnell vergessen werde. Mit diesen Meisterwerken sind die beiden Grotesken nicht vergleichbar.

Großartig finde ich es, dass Ulrich Esser-Simon diese wenig bekannten und verschollenen Werke dem deutschen Leser zugänglich macht. Mit den Anmerkungen und dem Nachwort ist das Buch eine Runde Sache und dank des Leineneinbandes und des Lesebändchen durchaus als Geschenk sehr gut geeignet.

Fazit: Mit den beiden Grotesken Die Komödie des Teufels und Der Pakt bekommt der Leser zwei Geschichten, die von politischen und philosophischen Seitenhieben und viel Satire stark getränkt sind. Ähnlich dem politischen Kabarett hält Balzac der damaligen Gesellschaft einen Spiegel vor. Das hat damals mit dem zeitgenössischen Kontext gut gewirkt, verfehlt dieser Tage aber doch an vielen Stellen seine Wirkung. Es ist spannend einen Balzac jenseits von Die menschlichen Komödie kennenzulernen, der für den Journalismus der damaligen Zeit schrieb, um so seinen Lebensunterhalt zu verdienen und schließlich zu dem schriftstellerischen Geschick zu gelangen, das sein Lebenswerk zu einem unvergänglichen Meisterwerk macht. Ein Buch, das ich jeden von Balzac begeisterten Leser nur sehr empfehlen kann. Wer diesen großen Romancier hingegen erst kennenlernen möchte, oder nur bedingt gut findet, ist dieses Büchlein eher weniger geeignet.

Über das Buch

Titel: Die Komödie des Teufels – Der Pakt: Zwei Grotesken
Autor: Honoré de Balzac
Verlag: marix Verlag
Übersetzung: Ulrich Esser-Simon
Erschienen: 22. Februar 2018
Erstveröffentlichung: 1831 und 1821
Seiten: 160 Seiten

Klappentext anzeigen
Ein lässig agierender Höllenfürst macht den Sterblichen mit ihren Eitelkeiten und Schwächen eine lange Nase. In zwei auch in Frankreich selten publizierten Grotesken aus der Feder des großen Romanciers Honoré de Balzac erlebt man den Teufel als raffinierten Mephisto.

Die Komödie des Teufels von 1831 zeigt in moderner Übersetzung ein grelles Höllenspektakel, das der Menschheit im Stil eines politisch-satirischen Kabaretts den Spiegel vorhält. In der zweiten Groteske Der Pakt, erschienen 1822, berichtet ein Sterbender, der in die Hölle verdammt wurde, über seine Allianz mit Satan, die seinen mehr als 200 Jahre währenden Lebenslauf bestimmt und ihm dabei die Sinnlosigkeit seiner irdischen Träume offenbart. Beide Erzählungen bieten amüsante höllische und irdische Spektakel aus der Werkstatt eines jungen, ideenreichen Schriftstellers mit ausgeprägtem Sinn für bizarren Grusel und makabre Situationskomik.

verfasst von Tobi

    2 Kommentare

  1. Anneli Treibig 12. April 2018 at 9:47 Antworten

    Hallo,
    mir hat allein der Kommentar gefalllen, das jedes Buch eine Seele hat. Das ist auch meine Anscicht. Bücher, die ich im Regal stehen habe, werden nicht durch Ausmisten, oder wie manche es immer nennen, bestraft. Jedes Buch hat für mich inhaltliche Sätze, die mich begeistert haben und worauf ich immer gerne zurück blättere. Jedes Buch ist eine Offenbarung der Gedanken und der Seele des Literaten!

  2. Evelin Brigitte Blauensteiner 22. August 2018 at 13:53 Antworten

    Balzac – immer wieder eine Lektüre wert 🙂
    Ich stimme auch zu – jedes Buch hat seine ganz besondere Seele!
    Evelin Brigitte Blauensteiner

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