Wer meinen Blog schon länger verfolgt weiß, dass ich mir keinen mare-Klassiker entgehen lasse und so natürlich auch nicht das neueste Buch Das Haus am Rand der Welt von Henry Beston, das vor ein paar Tagen erst erschienen ist. Bisher besticht die Reihe mit einer gewissen Vielfalt, bleibt sich aber vom Konzept her immer treu. Eher unbekannte Reiseberichte, Tagebücher und Romane von renommierten Autoren werden hier neu verlegt und punkten immer mit einer mittlerweile seltenen sehr hochwertigen Verarbeitung mit Schuber, schicken Leineneinband und Fadenbindung. Was euch mit dem neuesten Buch erwartet, das werde ich euch in diesem Beitrag genauer vorstellen, denn auch diesmal gibt es ein hierzulande unbekanntes Werk neu zu entdecken.

Der Inhalt von Das Haus am Rand der Welt ist schnell umrissen: Der Autor Henry Beston hat sich auf Cape Cod, einer Halbinsel im Südosten von Massachusetts in den USA, ein kleines Holzhaus direkt auf den Dünen erbauen lassen und vom September 1926 an ein Jahr am einsamen Strand verbracht. Dabei hat er seine Eindrücke zuerst nur für sich selbst aufgeschrieben und gesammelt, später dann aber veröffentlicht, nachdem seine Verlobte ihn nur dann eine Heirat in Aussicht gestellt hat, wenn er diese Aufzeichnungen als Buch veröffentlicht. Er hat seine Frau wohl wirklich geliebt, denn er hat es 1928 veröffentlicht, wobei das Buch auf Anhieb ein Erfolg wurde.

Ich habe, wie eigentlich immer bei den mare Klassikern, den Klappentext nur kurz angelesen und wusste nicht, was mich hier wirklich erwarten würde. Das Buch ist ein Erlebnisbericht und gehört zum Genre des „Nature Writing“, bei dem die Natur im Mittelpunkt steht und die Schilderung der Vorgänge der Natur an tatsächlich konkreten Beobachtungen auf angenehm lesbare Weise in literarischer Form verarbeitet wird. Anders ausgedrückt: Das Buch ist tatsächlich so, wie wenn man sich eine Naturdoku auf Arte anschaut. Oder die „Wildes Skandinavien“ Reihe, um ein Beispiel zu nennen. Ganz wie bei einer Doku beginnt Beston praktisch in Form eines Flugs über Cape Cod und beschreibt die Beschaffenheit dieser Landschaft. Anschließend schildert er die verschiedensten Eindrücke, die er angefangen vom Herbst im September 1926, ein Jahr lang gesammelt hat, wobei das Buch chronologisch angeordnet ist. Dabei schreibt er über die Lichtstimmungen, über das Meer natürlich, die Brandung, die Gezeiten bis hin zu den Gerüchen oder den Geräuschen. Er berichtet auch sehr viel von den Vögeln, die er beobachtet, ihr Verhalten, wie sie auf ihn wirken und wie sie im Herbst in den Süden ziehen und im Frühling wieder zurück kommen. Der Leser begleitet ihn durch die Nacht, den Hochsommer und erlebt mit Breston zusammen in dem kleinen Haus ein mächtiges und eindrucksvolles Gewitter.

„Kurz darauf begann es sanft zu regnen, als hätte jemand vorsichtig ein Ventil geöffnet, und der wohltuende Klang des Regens auf den hölzernen Dachschindeln setzte ein, ein Klang, den ich schon als Kind geliebt habe.“ (S. 169)

Obwohl das Buch keine Spannungskurve hat, fand ich es sehr unterhaltsam und sehr entspannend zu lesen. Breston schreibt angenehm und präzise und man kann sich die Landschaft hervorragend vorstellen. Er geht dabei durchaus auch ins Detail, nennt die genauen Arten, die er beobachtet und weckt bei diesen detailgetreuen Schilderungen aber auch immer wieder die Erinnerung an das Meer. An das Gefühl, das man hat, wenn man am Strand steht, das Kreischen der Vögel hört, das Anbranden des Meeres, den Geruch des Sandes einem in die Nase steigt. Das ist wie ein kurzer mentaler Urlaub und atmosphärisch oft sehr dicht und auch sehr schön ausformuliert. Das hat mir an vielen Stellen richtig gut gefallen.

„Der Blick aus den nach Westen zeigenden Fenstern ist am frühen Abend besonders schön. An angenehm kühlen Septemberabenden wie derzeit ist das gleichmäßige, waagrecht einfallende, stille Licht der Dämmerung am Himmel ebenso herbstlich gefärbt wie die Erde darunter. Auf der Erde herrscht Herbst, und Herbst ist es auch darüber. Die Inseln der Marsch, die in einem lohfarbenen Orange verglimmen und in der Dunkelheit aufgehen, die mäandernden Wasserläufe, denen die Dämmerung einen bronzefarbenen Schimmer überzieht, die scharlachroten Auen, die sich mit fortschreitender Nacht purpurn verfärben – sie alle verschmelzen mit dem Himmel, indem sie ihre Farben an ihn übergeben.“ (S. 24)

Dabei wird er nicht übermäßig emotional, vermittelt aber seine eigenen Gedanken und Gefühle dennoch sehr gut. Und er bietet einen Rundumblick und schildert einige Schiffbrüche in der Region, beschreibt die hiesige Küstenwache, mit welchen er immer wieder in Kontakt stand und deren Alltag er sehr schön darstellt. Das fühlt sich wirklich oft wie eine Doku im Fernsehen an und ich hätte nicht gedacht, dass das in Literaturform so gut funktioniert. Ein ähnliches und ebenso beeindruckendes Buch, das auch diesen Dokucharakter hat ist Die Polarfahrt von Hampton Sides (auch aus dem mare Verlag und ebenso wie dieses Buch von Rudolf Mast ins Deutsche übersetzt). Wobei Die Polarfahrt sehr spannend ist und wohl eher die N24-Action-Doku ist, während dieses Buch eher einer entspannten Naturdoku entspricht.

Er wagt einen angenehmen subjektiven Blick auf die Natur, interpretiert immer wieder und hat mich mit einem Zitat sehr stark an Jack Londons Seewolf erinnert, indem er über das Leben und seine Fruchtbarkeit schreibt, und von einem anderen Standpunkt aus zu einem ganz ähnlichen Resumé kommt wie London.

„Wie ich so dastand[…]begann ich über den Ehrgeiz der Natur nachzudenken, überall Leben auszusäen, den Planeten damit zu füllen, Erde, Luft und Meer damit zu bevölkern. Jeder verlassenen Ecke, jedem entlegenen Winkel und jedem vergessenen Ding will die Natur Leben einhauchen, dem Toten ebenso wie dem Lebenden. Mit überbordender, nicht nachlassender glühender Inbrunst legt sie den Keim des Lebens aus. Und alle sind ihre Geschöpfe, auch diese Wesen, denen sie einen Strich durch die Rechnung zu machen droht; welche Mühsal, welch Hunger und Kälte, welche Prüfungen und Marter werden sie erdulden müssen, um den Willen der Natur zu erfüllen? Welcher bewusste Entschluss des Menschen kann sich mit ihrem unbedingten und kollektiven Willen vergleichen, das Dasein des Einzelnen den Erfordernissen des Lebens schlechthin zu unterwerfen?“ (S. 150f)

Sehr spannend fand ich, dass bereits 1927 ein ganzer Haufen Ölabfälle ins Meer gekippt wurde und zahlreiche Vögel daran verendet sind. Ein Vorbote, was ja jetzt im ganz großen Stil gepflegt wird. Die Umwelt nachhaltig zu zerstören hat mittlerweile schon richtig Tradition.

Natürlich war ich nach der Lektüre neugierig und habe mich gefragt, wie das kleine Haus denn ausgesehen hat und wo es tatsächlich stand. Im Netz findet man einige Bilder davon und auch eine Karte mit der Position. Allerdings konnte ich die exakte Position auf Google Maps nicht mehr ausmachen. Es war in dieser Ecke hier, aber scheinbar hat sich der Atlantik in den letzten 90 Jahren wieder einiges von dem Land geholt und eine Landzunge in zwei Teile aufgeteilt. Fo’castle (Vorschiff), wie Beston seine kleine Hütte mit zwei kleinen Räumen liebevoll genannt hat, wurde mehrfach umgesetzt und dann 1978 von einem Blizzard vollständig zerstört. Ein paar Eindrücke bekommt man auch in diesem YouTube Video. In dem Buch unternimmt Beston eine Wanderung quer über die Halbinsel von der Ostküste hin zu der inneren Bucht. Sehr nett fand ich in dem Zusammenhang einen Bericht von einer Frau, die mit ihren Töchtern die gleiche Wanderung unternommen hat und darüber berichtet hat.

Von Henry Beston, der von 1888 bis 1968 gelebt hat, hatte ich bisher noch nichts gehört. Scheinbar hat er mehr geschrieben, einige Kriegsberichte, aber The outermost house ist das einzige bekannte Buch von ihm. Wobei es primär im englischsprachigen Raum Bekanntheit erlangt hat und diese vorliegende deutsche Ausgabe vom mare Verlag ist scheinbar die erste Übersetzung ins Deutsche.

Was die Verarbeitung des Buches angeht, reiht es sich in die Tradition der bisherigen Bände ein, kommt wieder mit Schuber, wertigen Leineneinband, goldenen Lesebändchen und Fadenbindung. Hier ist wieder alles in Ordnung und man ist im gewohnten Premiumbereich unterwegs. Der Leineneinband ist farblich und von der Gestaltung diesmal eher schlicht geraten und ich hätte eher eine andere Farbgebung bevorzugt, die sich stärker an der kräftigen Farbe des Sandes orientiert und diese aufgreift, denn die erwähnt Beston einige Male. Insgesamt mag ich aber diese klassische Ausstrahlung des Buches sehr und mir fällt auf, dass ich mit solchen schönen gebundenen Büchern auch immer wieder in der S-Bahn angesprochen werde, was mir auch mit diesem Buch wieder passiert ist. Eigentlich immer von älteren Menschen, die selbst Bücher lieben und denen jemand mit einem Buch in der Hand ins Auge sticht.

Das Nachwort habe ich eher als durchwachsen empfunden. Man erfährt ein wenig über „Nature Writing“ als Genre und auch ein wenig über die Hintergründe, aber es wird schon sehr überinterpretiert, was ich dann doch eher als überzogenen Intellektuellenkäsegeschwurbel empfinde. Lesenswert ist es aber dennoch.

Fazit: Mit dem neuen mare-Klassiker Das Haus am Rand der Welt wird eine hervorragende Reihe in gewohnt hoher Qualität fortgesetzt. Den Leser erwartet wieder eine unbekannte Neuentdeckung, die das erste Mal ins Deutsche übersetzt wurde und erneut in perfekter Ausstattung aufwartet. Henry Beston beschreibt mit sehr schönen Schilderungen sein Jahr am Strand von Cape Cod und weckt im Leser die Sehnsucht und Erinnerung an das Meer. Wunderbar beschreibt er seine vielen Eindrücke, angefangen von den verschiedenen Lichtstimmungen des Meeres, den zahlreichen Vögeln, der Fauna und Flora, den Geräuschen, der Brandung bis hin zu dem Treiben der Menschen an diesem verlassenen Küstenstreifen. Mit seinen 224 Seiten ist es eine kurzweilige und angenehme Unterhaltung und erinnert stark an Naturdokus, nur eben in Literaturform. Wer Spannung oder eine Story erwartet, für den ist das Buch eher nichts, aber alle die Reiseberichte und Naturbeschreibungen zu schätzen wissen, denen kann ich das schöne Buch nur empfehlen.

Über das Buch

Titel: Das Haus am Rand der Welt
Autor: Henry Beston
Verlag: mare Verlag
Übersetzung: Rudolf Mast
Erschienen: 11. September 2018
Erstveröffentlichung: 1928
Seiten: 224 Seiten

Klappentext anzeigen
September 1926. Henry Beston bezieht ein kleines Holzhaus am Meer, das er sich im Jahr zuvor hat bauen lassen, um dort seinen Urlaub zu verbringen. Geplant waren zwei Wochen, doch er bleibt ein ganzes Jahr; ein Jahr, in dem er seine Umwelt auf sich wirken lässt, sie untersucht und auf diese Weise verstehen lernt. Beston hält sämtliche Beobachtungen in Notizbüchern fest, er beschreibt das Gesehene und Erlebte farbig und detailliert: den Zug der Seevögel, den Rhythmus von Ebbe und Flut, die Formen der Dünen und der Wellen, die Geräusche der Brandung und sogar den Wandel der Gerüche im Laufe der Jahreszeiten.
Diesen sprachlich geschliffenen und alle Sinne ansprechenden Klassiker des Nature Writing, der vor genau 90 Jahren erschienen ist, gilt es nun erstmals in deutscher Übersetzung zu entdecken.

    4 Kommentare

  1. Kathrin 22. September 2018 at 19:07 Antworten

    Hallo Tobi!

    Da hast du ja wieder ein wahres Kleinod für uns. Optisch wie immer sehr hochwertig und inhaltlich trifft es ganz meinen Geschmack (Nature Writing geht immer). Rückzugs- oder Aussteigerberichte gibt es zwar mittlerweile zu Hauf, aber wenn der Fokus, wie von dir geschildert, wirklich auf der Natur liegt, kann ich schwer widerstehen – das Buch kommt also sofort auf die Merkliste. Danke für den Tipp und auch für die Hintergrundinformationen! Die Sache mit der Heiratsbedingung ist wirklich eine tolle Anekdote. 😀

    Viele Grüße
    Kathrin

    • Tobi 23. September 2018 at 12:44 Antworten

      Liebe Kathrin,

      du liest auch echt krass vielseitig. Von Manga bis Natural Writing, ist ja sehr cool! Das Buch hier dürfte aber doppelt was für dich sein, denn es wieder sehr schön und hochwertig und dafür hast du ja auch einen Nerv. In der mare Reihe gibt es ja mehrere Berichte der Art, z.B. „Die Reise mit der Snark“. Ich mag solche Bücher auch echt gern, das ist für zwischendurch zum Entspannen perfekt.

      Liebe Grüße und einen schönen Sonntag
      Tobi

      • Kathrin 30. September 2018 at 15:06 Antworten

        Hi Tobi!

        Ich muss gestehen: Bei den mare-Büchern habe ich mich bisher immer von dir überraschen lassen, aber noch nie in Ruhe auf der Verlagsseite gestöbert. Ich glaube, das sollte ich demnächst mal ändern, da ich sonst wohl doch noch das ein oder andere edle Stück verpasse.

        Und was die Vielseitigkeit betrifft: Da bist du ja nicht anders. 😉 Apropos Manga… Hast du schon Aposimz 2 gelesen? Ich habe vor ein paar Wochen endlich den ersten Band gelesen und noch ein wenig unschlüssig, wie gut er mir tatsächlich gefallen hat. Auf der einen Seite finde ich das Setting und die Ideen genial, den Zeichenstil sowieso; auf der anderen Seite hat sich die Story aber doch ganz anders entwickelt, als ich anfangs vermutet hätte. Und es ist – verglichen mit dem, was ich sonst in Comic- oder Mangaform lese – doch recht brutal.

        Viele Grüße und einen noch gemütlichen Sonntagnachmittag!
        Kathrin

        • Tobi 30. September 2018 at 22:00 Antworten

          Liebe Kathrin,

          ich glaube die Mare Klassiker habe ich fast alle hier vorgestellt. Da lasse ich mir kein Buch entgehen 😉 Aber bei Mare zu stöbern kann nicht schaden, die haben auch viele interessante neuere Titel von Autoren, die sogar noch leben 🙂

          Aposimz 2 habe ich fest auf der Liste, da warte ich darauf, dass es bei mir eintrudelt. Darüber will ich auch bloggen. Ich fand den ersten Titel sehr ansprechend. Das ist schon eine straffe Stimmung, aber mir hat der Stil und auch die Story sehr gut gefallen. Das ist auf jede Fall ein hochwertiger Titel. Wobei mir „Blame“ überhaupt nicht gefallen hat, damit konnte ich gar nichts anfangen. Hast du „Die Braut des Magiers“ schon gelesen? Die Reihe hat mir auch richtig gut gefallen und jetzt warte ich, dass da mal der Band 9 ums Eck kommt.

          Liebe Grüße und einen schönen Start in die Woche
          Tobi

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