Schon seit einigen Jahren bin ich ein begeisterter Leser und Sammler der mare Klassiker, die meines Erachtens eines der schönsten Bücher sind, die dieser Tage auf dem hiesigen Buchmarkt erscheinen. Gefühlt werden schöne und hochwertige Neuerscheinungen von Klassikern immer seltener. Wer die entsprechenden Filter in der Buchsuche setzt, der wird feststellen, dass es zum Erkunden von gebundenen Klassikern, die in Kürze erscheinen, nicht einmal zehn Minuten zum Durchsuchen der gesamten Liste benötigt. Der mare Verlag ist einer der wenigen Verlage, die hier wirklich ganze Arbeit leisten und immer wieder wunderbare Bücher veröffentlichen.

Die mare Klassiker Reihe gibt es ja schon etwas länger. Sehr gespannt war ich aber auf das Buch Der Pavillon in den Dünen denn mit dem Buch geht eine neue Reihe an den Start, die ein kleineres Format, als die bereits bestehende mare Klassiker Bücher hat. Seitdem der Manesse Verlag seine Bibliothek der Weltliteratur eine Neugestaltung hat angedeihen lassen, habe ich mich gefragt, ob hier der mare Verlag nicht die damit entstandene Lücke füllt, denn kleine Büchlein mit Leineneinband und bibliophilen Schnickschnack gibt es nicht gerade viele.

Protagonist dieser novellenartigen Kurzgeschichte ist Frank Cassilis, einem eigenbrötlerischen Einzelgänger, der nach einem abgebrochenem Studium durch Schottland streift und ein recht einfaches und freies Leben führt. Durch Zufall verschlägt es ihn zu einem Anwesen eines Kommilitonen, welches er mit diesem zusammen bereits vor Jahren aufgesucht hat, um dort einen gemeinsamen Urlaub zu verbringen. Als er an dem kleinen Pavillon an der schottischen Nordseeküste ankommt, beobachtet er ein seltsames Treiben und legt sich auf die Lauer um näheres herauszufinden. Schnell findet er sich in einem Abenteuer um Leben und Tod und den Kampf um eine große Liebe verwickelt.

Robert Louis Stevenson ist kein unbekannter Autor und besonders für seinen Abenteuerroman Die Schatzinsel oder Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde bekannt. Ich hab von ihm schon das ein oder andere gelesen und mag seine Bücher sehr, auch wenn seine Werke mich nie so stark berührt haben, wie es andere Autoren immer wieder schaffen. Seine Art zu erzählen ist aber immer sehr unterhaltsam und schnell verschlucken einen die Geschichten und man ist mitten drinnen in einem Abenteuer. Und das waren seine Bücher tatsächlich immer: Abenteuer und das trifft auch bei Der Pavillon in den Dünen zu. Es passieren immer rasante Dinge und das Tempo ist angenehm hoch.

Der Einstieg in Der Pavillon in den Dünen geht sehr schnell und der Ich-Erzähler berichtet rückblickend über die Geschehnisse an der einsamen Küste Schottlands. Besonders in den ersten Kapiteln baut er eine richtig dichte und sehr maritime Atmosphäre auf, die so ganz typisch für alle Bücher aus der mare Klassiker Reihe ist. Das hat mir wieder sehr gut gefallen und man hat tatsächlich das Gefühl, mit Cassilis durch die Dünen am Strand zu streifen, mit ihm zusammen vor dem Pavillon zu stehen oder am einsamen Strand aufs Meer hinaus zu blicken, das anbrandet und ruhig und stürmisch zugleich wirkt.

„An Sommertagen war der Ausblick licht und sogar beseelend, doch im September, bei sinkender Sonne, einer steifen Brise und einer hoch gegen die Dünen schäumenden Brandung, kündete dieser Ort allenfalls von toten Matrosen und Katastrophen zur See. Ein mühsam gegen den Wind kreuzendes Schiff am Horizont und der mächtige Rumpf eines Wracks, halb im Sand zu meinen Füßen versunken, vervollständigten die Szenerie.“ (S. 10f)

Die Geschichte selbst ist spannend und man möchte beim Lesen wissen, was nun passiert und wie die Situation enden wird. Der Ausgang ist klar, da macht der Erzähler schon zu Beginn kein Geheimnis daraus, aber die Umstände sind doch irgendwie ungewöhnlich und auch die Entscheidungen der Charaktere sind nicht vorhersehbar. Überhaupt fand ich die Ausgestaltung der einzelnen Figuren sehr gelungen, die alle keine Stereotypen sind und dadurch unberechenbar sind, von ihrem Wesen und Eigenschaften aber auch nur vage skizziert werden. Ich würde das Buch als eine Novelle einordnen, denn auch wenn sie von der Erzählform eher wie ein Roman anmutet, hat das Ende doch etwas Überraschendes und gleichzeitig Unspektakuläres, so dass man durchaus über die tiefergehende Bedeutung nachsinnen kann. Ich würde nicht sagen, dass die Story ein Meisterwerk ist, dafür ist das Büchlein auch einfach zu kurz, aber zusammen mit der Kulisse ist sie eine runde Sache.

Stevenson hat im Programm vom mare Verlag seinen festen Platz. Als wirklich wunderschöner Klassiker ist dort bereits Der Master von Ballantrae erschienen, ein wirklich sehr empfehlenswertes Buch, das sowohl von der Aufmachung ein Meisterwerk ist, aber auch mit einer richtig schönen Abenteuergeschichte aufwartet. Von Stevensons Ehefrau Fanny wurde das Tagebuch, ebenfalls in einer sehr schmucken Ausgabe, unter dem Titel Südseejahre veröffentlicht. Das fand ich optisch sehr ansprechend, vom Inhalt her aber nicht so packend, denn es stellt das Leben und den Alltag auf Samoa in Tagebuchform dar, was nur eine sehr flache Spannungskurve hat.

Hinsichtlich der Aufmachung war ich sehr gespannt, wie das kleinere Format wirken würde und was von der größeren mare Klassiker Reihe übernommen wurde. Auf den ersten Blick sieht es wieder nach der bewährten Schuber-Leineneinband-Kombination aus und das ist auch so. Der Einband ist wieder aus schickem Leinen, der passend zu dem Pavillon der Geschichte, mit einem Gemälde von Edward Hopper bedruckt ist. Das hat mich stark an Der Garten über dem Meer aus der mare Klassiker Reihe erinnert und wirkt auch ähnlich gut und hochwertig. Das ist definitiv wieder hervorragend gelungen und stimmt sehr schön auf die Geschichte ein. Auch ein Lesebändchen in passender goldener Farbe ist mit dabei, was farblich wieder sehr gut harmoniert. Ein großer Wermutstropfen ist die Bindung, denn anders als bei der größeren Reihe wird hier nur eine Klebebindung geboten. Auch der Schuber enttäuscht, er ist wesentlich dünner und an beiden Seiten offen. In Summe liegt das Buch zwar nicht so gut wie die größeren mare Klassiker in der Hand und reicht nicht an deren Qualität heran, ist aber dennoch ein bibliophiles Büchlein, das der Novelle hinsichtlich seiner Ausstrahlung und dem Gesamteindruck mehr als gerecht wird. Wer schöne Bücher mag, wird auch damit wieder seine Freude haben.

Übersetzt wurde das Buch von Lucien Deprijck einem meiner absoluten Favoriten unter den Übersetzern. Von ihm habe ich schon so einige Bücher im Schrank stehen, auch solche, wo er nicht der Übersetzer, sondern der Autor ist und bisher hat mich noch keines enttäuscht. Auch diesmal gibt es sprachlich nichts auszusetzen, das Buch liest sich geschmeidig und in gewohnt hoher Qualität. Ein Nachwort gibt ein wenig Aufschluss über Stevenson Leben und seine Situation, als er diese Kurzgeschichte 1879 verfasst hat, als er selbst um seine großen Liebe Fanny gerungen hat. Diese wenigen Seiten sind eine sehr gelungene Ergänzung.

Fazit: Mit Der Pavillon in den Dünen startet der mare Verlag eine neue, etwas kleinformatigere Klassikerreihe, die ich dem geneigten Leser wieder nur empfehlen kann. Die kurze Geschichte von Stevenson ist wieder sehr unterhaltsam, hat eine wunderbare Kulisse, welche die raue und einsame Atmosphäre an der schottischen Nordseeküste hervorragend zum Leben erweckt und dem Leser eine hochwertige, wenn auch kurzweilige Unterhaltung bietet. Die Aufmachung ist erneut gelungen und auch wenn das Buch nicht an die mare Klassiker der großen Reihe heran kommt, ist es mit seinem bedruckten Leineneinband und dem schön farblich abgestimmten Lesebändchen, aber auch der sorgsam gewählten Typographie ein sehr wertiges Buch, das auch hohen bibliophilen Ansprüchen gerecht wird. Ein wunderbares Buch für kalte Wintertage, dass perfekt geeignet ist, um es an einem Abend ganz entspannt zu genießen. Oder als Geschenk für alle die gute Bücher schätzen, aber nur wenig Zeit aufbringen können. Ich habe es sehr genossen und ich vermute, es ist der Auftakt zu einer weiteren Sammlung, bei der ich kein Buch auslassen kann.

Über das Buch

Titel: Der Pavillon in den Dünen
Autor: Robert Louis Stevenson
Verlag: mare Verlag
Übersetzung: Lucien Deprijck
Erschienen: 11. September 2018
Erstveröffentlichung: 1880
Seiten: 160 Seiten

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Ein schottischer Nordseestrand voller Treibsandfelder zwischen rauem Wind und tiefhängenden Wolken: Vor dieser Kulisse kämpft der Abenteurer und Vagabund Frank Cassilis um die Liebe der Bankierstochter Clara Huddlestone, indem er den heldenhaften Versuch unternimmt, ihren korrupt gewordenen Vater vor seinen rachsüchtigen Verfolgern zu retten. Stevensons abenteuerliche Erzählung Der Pavillon in den Dünen, die als spätes Frühwerk gelten kann, besticht durch ihre kompakte Dramaturgie und ihre moralisch zwiespältigen Protagonisten, die bereits auf unvergessene Figuren wie Long John Silver oder Dr. Jekyll und Mr. Hyde hindeuten. Sie fand prominente Anhänger wie Arthur Conan Doyle und Italo Calvino und verhalf ihrem Verfasser zur lang ersehnten schriftstellerischen Anerkennung.

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