Vor nicht allzu langer Zeit bin ich durch die Buchbloggerwelt gebummelt und habe auf dem Blog vom Uwe ein Buch entdeckt, dass mir beinahe entgangen währe. Der Name Schalansky kam mir bekannt vor und tatsächlich hatte ich ganz vergessen, dass von ihr der wunderbare Atlas der abgelegenen Inseln ist, den ich bereits auf Lesestunden besprochen habe. In jeder Hinsicht ist der Atlas ein Meisterwerk, besonders die Buchgestaltung ist sehr gelungen. Um so neugieriger war ich zu sehen, was das neueste Werk der Buchgestalterin Judith Schalansky zu bieten hat. Das Thema klingt ebenfalls sehr gut. Am Ende war ich zu meiner eigenen Überraschung enttäuscht.

Das Verzeichnis einiger Verluste hat sich als Thema verschiedenste Gegenstände gewählt, die mittlerweile verschwunden und für immer verloren sind. Es geht also um das Verschwinden, das Vergehen, die Endlichkeit aller Dinge und in dem Rahmen auch um Tod, Vergessen, Verlust und Auflösung. Eindrucksvoll fand ich dazu die Vorbemerkung des Buches. Auf einer Buchseite zählt Schalansky hier Dinge auf, die während ihrer Arbeit an dem Buch verloren gegangen sind. Auf einer weiteren Seite, was alles entdeckt, erschaffen und gewonnen wurde. Wenn man sich die Liste durchliest, dann ist das schon faszinierend, wie beweglich in dieser Welt alles ist.

Im Vorwort beschäftigt sich dann Schalansky mit den verschiedenen Aspekten der Vergänglichkeit und wagt einen allgemeinen Blick, wobei sie hier philosophiert und verschiedene Gedanken dazu präsentiert. Man merkt, dass sie sich zu dem Thema schon viele Gedanken gemacht hat und so enthält das Vorwort schön formulierte Einsichten.

Zwölf Kapitel sind der Hauptteil des Buches und bestehen jeweils aus exakt sechszehn Seiten. Auf diesen wird dann immer etwas beschrieben, das verloren gegangen ist. Die Vorstellung des entschwundenen Etwas nimmt allerdings nur die erste, maximal zweite Seite ein und umreißt kurz und knapp dessen Entstehen und Verlust. Das sind ganz unterschiedliche Verluste, wie beispielsweise der ausgestorbene Kaspische Tiger, verlorengegangene antike Liebeslieder, eine untergegangene Religion oder zerstörte Bauwerke. Ich finde die Vielfalt sehr gut gewählt. Ich hatte das Gefühl, das Schalansky hier versucht, eine hohe Bandbreite an möglichen Arten des Entschwindens zu erfassen. Angefangen von der Zerstörung von Gebäuden bis hin zum Verlust von immateriellen Dingen wie Ruhm und Anerkennung.

Die restlichen fünfzehn Seiten der jeweiligen Kapitel bestehen aus ganz unterschiedlichen Texten, kurzen Erzählungen in ganz unterschiedlichem Stil. Diese Texte haben oft nur einen ganz losen Bezug zu dem eigentlichen Thema und manchmal erfährt der Leser etwas mehr zu dem vorgestellten verlorengegangenen Ding, oft besteht aber nahezu kein Bezug. Diese Erzählungen, die den Hauptteil des Buches ausmachen, konnten mich allerdings nicht überzeugen. Dabei gefällt mir der sprachliche Stil der Autorin sehr gut. Sie schreibt sehr bildhaft, hat oft schön geschachtelte Sätze und einen angenehm lesbaren Rhythmus, der durchaus die jeweiligen Szenen oder Schauplätze vor dem geistigen Auge herauf beschwört. Allerdings fand ich die verschiedenen Textfragmente langweilig, wenig unterhaltsam und sie haben ziellos auf mich gewirkt. Einige der Erzählungen sind autobiographisch und beschreiben Situationen aus der Vergangenheit der Autorin. Das hat oft so gar nicht gepasst und nahezu keinen Bezug zu dem vorangestellten Gegenstand. Mir war das alles zu wenig fokussiert. Einzig das Kapitel über die Liebeslieder von Sappho hat mir richtig gut gefallen.

Nichts kann im Schreiben zurückgeholt, aber alles erfahrbar werden. (S. 26)

Beim Lesen ist mir durchaus klar geworden, was die Autorin erreichen möchte. Es geht darum das Verlorengehen erlebbar zu machen und literarisch heraufzubeschwören. Genau das beschreibt die Autorin auch im Vorwort. Die Erzählungen vermitteln dabei auch die verschiedensten Arten der Verluste, konnten in mir aber nicht die Emotionen evozieren, die notwendig gewesen wären, um dieses Gefühl des Verlustes spürbar zu machen. Und so fand ich die Ausführungen sehr diffus, sie hatten für mich kaum eine klare Linie und die Aussagekraft lag primär auf dieser ebenso diffusen Wirkung, die durch die Summe der Erzählung ausgelöst wird. Es sind zwar immer wieder Fakten eingestreut, aber eigentlich erfährt der Leser nur in wenigen Fällen wirklich mehr über den eigentlichen eingeführten Gegenstand. Das habe ich als sehr enttäuschend empfunden, denn die einzelnen Erzählungen fand ich durchweg langweilig und langatmig. Es gibt keine Spannungskurve oder subtile Pointe. Dabei sind die einzelnen Kapitel vom Erzählstil her sehr unterschiedlich ausgelegt, eine Vielfalt, die ich wiederum sehr schön und gelungen fand.

Ausgehend vom Atlas der abgelegenen Inseln waren meine Erwartungen an die Gestaltung des Buches natürlich sehr hoch. Tatsächlich wurde das Buch auch von der Stiftung Buchkunst ausgezeichnet. Von der Aufmachung ist es sehr wertig und man merkt, dass hier mit Sorgfalt gearbeitet wurde. Jedes Kapitel wird mit einer schwarzen Seite eingeleitet, auf dem der vorgestellte Gegenstand nur ganz schwach und schwer zu erkennen ist. Schwarz auf Schwarz, was sehr schön das Verschwinden nochmal auf einer Metaebene visualisiert. Man muss diese Seiten gegen das Licht halten, um überhaupt etwas zu erkennen. Die Fadenbindung ist auffallend stabil und bündelt immer ein Kapitel aus 16 Seiten, die dann von den schwarzen Seiten eingefasst werden, was mir auch optisch vom Buchschnitt her sehr gut gefallen hat. Auch die Schriftart mit ihren Serifen ist wieder sehr fein gewählt. Ein schwarzes Lesebändchen wäre noch ganz schön gewesen und ein Leineneinband, aber insgesamt ist die Ausgabe sehr solide. An den Atlas kommt es allerdings nicht ran, dazu fällt es farblich mit dem Schwarz etwas langweilig aus. Natürlich passt das gut und die Gestaltung schafft es einen Bogen zum Inhalt zu ziehen.

Fazit: Mit Verzeichnis einiger Verluste legt Judith Schalansky ein Buch vor, dass auf ganz eigene Art versucht, ein Verzeichnis von Verlusten zu schaffen. Diese vorgestellten entschwundenen Dinge werden nur oberflächlich gestreift, primär werden ganz verschiedenartige Erzählungen präsentiert, die mich von ihrem Ausdruck und ihrem Stil nicht erreichen konnten. Ich habe sie trotz der schönen bildhaften Sprache der Autorin als langweilig, langatmig und ziellos empfunden, da ihnen das Besondere, das Pointierte fehlt und sie von ihrer Wirkung sehr diffus und unbestimmt sind. Das Buch ist voll mit zahlreichen Verlusten unterschiedlichster Art, die auch in den Texten durchaus erlebbar gemacht werden. Die Gestaltung des Buches ist gelungen, mit seinen kaum sichtbaren Abbildungen zwischen den Kapiteln und den schwarzen Farbton greift es den Inhalt mit der Gestaltung hervorragend auf, wirkt allerdings dadurch aber auch etwas trist. In Summe ein Buch, das mich nicht überzeugen oder berühren konnte.

Buchinformation: Verzeichnis einiger Verluste • Judith Schalansky • Suhrkamp Verlag • 252 Seiten • ISBN 9783518428245

    1 Kommentar

  1. Daniela, der Buchvogel 5. Juli 2019 at 16:42 Antworten

    Hallo,
    wie schade! Ich glaube ein Buch, in dem rein die Verluste dargestellt sind, hätte mich mehr angesprochen. Grade, wenn das Verschwindensein durch viele Fakten oder Erlebnisse rund um das verschwundene Etwas greifbar gemacht worden wäre.
    LG
    Daniela

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