Jeder der über Bücher bloggt kann bestätigen, dass man darüber ganz sicher Kontakt zu wunderbaren Büchermenschen findet. Eine solche Bekanntschaft ist mittlerweile zu einer echt guten und sehr geschätzten Emailbrieffreundin von mir geworden. Immer wieder hat sie mir Victoria von Knut Hamsun empfohlen. Ihre Ausgabe von der kurzen Erzählung ist wenig ansehnlich und so habe ich mich auf die Suche gemacht und doch tatsächlich eine sehr hübsche, wenn auch alte Ausgabe gefunden. Victoria trägt auch den Untertitel Die Geschichte einer Liebe. Und eine alte und wenig bekannte Liebesgeschichte die geht eigentlich immer.

Das Buch handelt von Johannes, dem Sohn eines Müllers und Victoria, Tochter eines wohlhabenden Grundbesitzers. Victoria lebt unweit des Dorfes in einem großen Herrenhaus, das von allen nur das Schloss genannt wird. Die Geschichte beginnt damit, dass der 14 jährige Johannes als Diener abgestellt wird und Victoria, ihren Bruder und einen jungen Gast aus der Stadt zu einer Insel rudern soll, damit diese sie erkunden können. Der Standesunterschied wird schon in dieser ersten Begegnung sehr deutlich spürbar und auch nachdem Johannes und Victoria sich ihre Gefühle gegenseitig offenbaren, bleibt dies ein scheinbar unüberwindbares Hindernis.

Natürlich konnte mich die Story recht schnell bewegen, denn der Kampf und das Hadern um die große Liebe, das packt mich eigentlich immer. Die Charaktere wirken authentisch, sie reagieren und handeln schlüssig und an der Art wie sie handeln, merkt man sehr schön den Kampf, den jeder mit sich selbst ausficht. Wirklich Neues hat die Erzählung nicht zu bieten, das ist schon eine klassische Liebesgeschichte. Dennoch ist die Lektüre sehr angenehm. Mir haben besonders die feinen Nuancen in der Beziehung zwischen Johannes und Victoria gefallen. Das Unausgesprochene, das in den oft wortkarg wirkenden Dialogen mitschwingt und ganz deutlich spürbar wird. Ich habe oft das Gefühl, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts dieses dezente Darstellen von Beziehungen ein echter Trend war. Hier wird auf die großen Dramen, die man in den Büchern des 19. Jahrhunderts so oft findet, verzichtet und stattdessen taucht man als Leser in fein ausgestaltete zwischenmenschliche Beziehungen ein, die gerade durch ihre dezenten und wenig sichtbaren, aber deutlich spürbaren Schwingungen faszinieren. Keyserling mit Wellen, Colette mit Erwachende Herzen oder Fitzgerald mit Der große Gatsby sind ebenfalls Romane, die aus meiner Sicht in eine ähnliche Kategorie fallen.

Der allwissende Erzähler berichtet aus Sicht von Johannes und so fällt die Sprache recht einfach aus. Die Sätze sind kurz und besonders zu Beginn vermitteln sie die Naivität des jungen Johannes sehr gut. Aber auch im weiteren Verlauf bleibt die Sprache einfach. Die Lektüre zeigt sich also aus dieser Sicht als leichte Kost, wobei Hamsun allerdings immer wieder mit schönen Beschreibungen der Kulisse punkten kann. Beispielsweise den Park um das Herrenhaus oder auch die Landschaft und Witterung vor der Stube in der Johannes schließlich viel Zeit schreibend verbringt. Das ist wirklich sehr schön zu lesen. Es gibt einige Sätze, die mir sehr gut gefallen haben, selbst wenn sie etwas schmalzig wirken.

Fragt jemand, was die Liebe ist, so ist sie nichts als ein Wind, der in den Rosen rauscht und dann wieder dahinstirbt. Oft aber ist sie auch wie ein unzerbrechliches Siegel, das das ganze Leben lang dauert, bis zum Tode. (S. 140)

Wie Eingangs erwähnt ist meine Ausgabe doch ziemlich hübsch, wenn auch alt und noch aus dem Jahre 1956. Der Leineneinband hat eine sehr edle Farbe und ich mag auch die golden aufgeprägte Rose. Gerade weil auch das ein wenig kitschig ist doch trotzdem elegant wirkt. Ein Buch das übrigens wieder super Low-Budget ist und mich mit Versand keine zwei Euro gekostet hat. Nur den Tipp muss man bekommen, um so einen verschollenen Schatz zu heben.

Fazit: Meine liebe Emailbrieffreundin hat mir mit Victoria einen sehr guten Tipp gegeben. Die Liebesgeschichte ist zwar gewöhnlich, hat mich aber dennoch bewegt und durch eine angenehm kurzweilige Geschichte geführt, die besonders durch die feinen zwischenmenschlichen Schwingungen besticht, die Hamsun sehr schön zum Leben erweckt. Die einfache Sprache ist angereichert mit schönen Landschaftsbildern, die dezent eingestreut werden und mit dem Park des Herrenhauses, mit seiner üppige Vegetation, eine stimmungsvolle Kulisse für die Dialoge der Protagonisten gibt. Eine durchaus empfehlenswerte Lektüre, besonders für den kleinen Geldbeutel und auch für einen Tag am Strand perfekt geeignet.

Buchinformation: Victoria • Knut Hamsun • Deutsche Buch-Gemeinschaft Berlin und Darmstadt • 176 Seiten • Ausgabe von 1956

    1 Kommentar

  1. wolfgang 8. Juli 2019 at 9:37 Antworten

    schön…

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