Warum ich nicht über alle Bücher bloggen kann und was das über unsere Gesellschaft aussagt

Meinen letzten Beitrag habe ich vor etwa einem Monat veröffentlicht. Das liegt also schon wieder einige Zeit zurück und zwischenzeitlich habe ich natürlich einige Bücher gelesen. Warum kommen hier also keine neuen Buchbesprechungen? Warum diese Zeit der Stille? Die Antwort überrascht vielleicht, aber der Grund liegt darin, dass ich über diese Bücher nicht schreiben kann. Ich habe länger darüber nachgedacht, ob ich das Thema aufgreifen soll, aber ich denke es ist eine sehr interessante Seite am Bloggen, die zu diskutieren sehr spannend ist.

Grundsätzlich ist das hier mein Blog und da gilt: mein Blog, meine Regeln. So lange es nicht gegen das geltende Recht verstößt, kann ich hier doch schreiben, was ich möchte. Ganz so einfach ist es nicht. Es kann hier ja potenziell jeder mitlesen. Familie, Freunde und Bekannte, okay das ist unproblematisch. Aber auch Kollegen, Vorgesetzte und auch Menschen, die mir vielleicht so gar nicht gewogen sind. Nicht zu vergessen sind auch Unternehmen. Mit jedem Beitrag, den man veröffentlicht, gibt man also etwa preis, erzeugt man eine Außenwahrnehmung und mit der Entscheidung, was man schreibt und welches Buch man bespricht, ist man ganz sicher nicht völlig frei.

Ein wichtiges Thema ist für mich hier der Datenschutz. Darüber habe ich in der Vergangenheit bereits geschrieben und noch immer habe ich im Hinterkopf, dass dieser Blog, das alles was ich schreibe, auch automatisiert verarbeitet werden kann. In Zeiten von leistungsstarken KIs ist das noch einfacher geworden. Das wäre schon interessant, einmal einen Blog komplett zu scannen, die Beiträge zu speichern, bei ChatGPT als Kontext einzugeben und dann Fragen zu der Person zu stellen. Wer sie so ist, welche Charaktereigenschaften sie so hat, welche politische oder religiöse Gesinnung wohl der Besitzer des Blogs so hat. Was kommt dabei wohl heraus, wenn man Bücher liest, die politisch nicht korrekt sind? Der Bing Chat kennt mich und meinen Blog. Auch beispielsweise zu Uwe von Kaffeehaussitzer kann ich den Bing Chat befragen. Auf sensible Fragen reagiert die KI abweisend, aber das muss nicht zwingend jedes Sprachmodel so handhaben.

Eine zweite Frage ist, was passiert, wenn man politisch völlig inkorrekte Bücher liest? Ich mache das, weil ich einfach sehr neugierig bin. Wenn ich Zuhause auf dem Sofa sitze, unbeobachtet und ein Buch lese, das vielleicht extremistische Ansichten vertritt (egal in welche Richtung und Thema), das gerade deshalb interessant ist, dann bekommt das niemand mit. Es wird also niemand daran denken, mich einem extremen politischen Spektrum zuzuordnen. Was auch nicht richtig wäre, nur weil mich diese Inhalte interessieren, vertrete ich dennoch in keiner Hinsicht extreme Positionen. Wenn ich über so ein Buch nun schreiben würde, dann wäre es wieder etwas anderes. Die Leser dieses Blogs würden erst einmal das Bild von dem Buch sehen, dass ich einem solchen Buch eine Plattform gebe, für dieses Buch implizit Sichtbarkeit schaffe und viele würden annehmen, dass dieser Blog extremistische Inhalte vertritt, weil so ein Buch hier grundsätzlich dargestellt wird. Selbst wenn mein Beitrag das relativieren würde, ein fahler Beigeschmack würde bei den Besuchern meines Blogs bleiben, da bin ich mir sicher und viele Leser würden gar nicht weiterlesen und diesen Blog dann sofort als extremistisch abstempeln. Und wenn man einem solchen Buch vielleicht stellenweise zustimmt, ich glaube dann wäre es ganz vorbei. Aber natürlich liegt in jedem Buch, so extrem und verwerflich es sein mag, auch immer etwas Wahres. Ich bin überzeugt, selbst eine sachliche Buchbesprechung würde sehr schnell einen Shitstorm auslösen. Vielleicht irre ich mich, aber in Zeiten, wo selbst die Abenteuerromane von Karl May ein Problem sind, würde ich das nicht ausprobieren wollen.

Ich will behaupten, es gibt besonders in dem Kosmos der Vielleser, Verlage, Buchblogger und buchbegeisterten Menschen eine vorherrschende Ideologie. Alleine mit der Wahl der Bücher dieser zuwider zu laufen, ist ein Problem. Daraus ergibt sich für mich eine Art Selbstzensur, der sich niemand entziehen kann. Klar, es kann einem auch egal sein, es werden sich schon die Menschen dann auf dem eigenen Blog tummeln, die mit den Inhalten zurecht kommen und sich darin wieder finden. Ich suche allerdings gerade in politischen Themen nur sehr eingeschränkt einen Diskurs, zumal der hierzulande ohnehin nicht mehr sachlich geführt wird und die Debattenkultur in Deutschland nicht sehr gut funktioniert. Bücher, das ist für mich Entspannung, das ist ein Abtauchen in andere Welten und ja, Bücher sind für mich auch Quelle politischer Bildung. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass ich mich darüber austauschen möchte. Ebenso wenig über Themen wie Glaube oder Philosophie, die einfach zum absoluten Kernbereich der eigenen Privatsphäre gehören. Dadurch komme ich aber auch immer wieder in eine Situation wie jetzt, dass ich einfach nicht über die Bücher schreiben kann, die ich aktuell lese.

Einen dritten Grund gibt es, über Bücher nicht zu schreiben: Wenn sie mir einfach nicht gefallen. Manchmal mache ich das, manchmal funktioniert es aber auch nicht und wäre falsch. Wenn es sehr persönliche Bücher sind, bei denen man den Autoren nicht verletzen möchte. So ein Buch lese ich aktuell und auch wenn es mir nicht gefällt, wäre es falsch daran Kritik zu üben, da es geschrieben wurde, um die eigene Trauer zu bewältigen. Und ich möchte hier ja schöne Bücher teilen, die mir gefallen und nicht bashen und Bücher mitsamt ihren Autoren herunter machen, nur weil ein Buch mir nicht zusagt. Die Entscheidung ist eine Gratwanderung. Wenn es unausgewogen ist, ein Buch mit stellenweise gefällt, aber insgesamt mir nur bedingt zusagt, schreibe ich oft dennoch darüber. Wenn mich ein Buch ärgert, dann schreibe ich auch darüber, um andere Leser zu warnen. Wenn es für mich ziemlich bedeutungslos ist, dann landet es im öffentlichen Bücherschrank und wird einfach vergessen. Warum sich länger mit einem solchen Buch aufhalten, als nötig?

In einigen Fällen ist es für mich völlig okay, über einige Bücher eben nicht zu schreiben. In anderen Fällen ist es auch ein bisschen schade. Es gibt schon echt schräge Bücher und ab und zu ist es auch sehr interessant von einem Aluhutträger, Extremisten oder Diktator etwas zu lesen. Leider gibt es kein Buch, das von Putin verfasst wurde, das würde mich sehr interessieren. Eine Sammlung an Texten und Reden von ihm gibt es, aber leider auch von einem Autoren und Verlag, die dem sehr russlandfreundlichen Lager zugeschrieben werden. Und daran, wie Texte zusammengestellt werden, kann auch sehr viel aus dem Kontext gerissen werden. Vom Gefühl würde ich sagen, dass auch bei so einem Buch ich mich bei der Leserschaft sehr unbeliebt machen würde. Irre ich mich? Vielleicht. Meine Wahrnehmung ist, dass nur sehr oberflächlich und wenig differenziert und möglichst schnell stigmatisiert wird.

Wie seht ihr das? Schreibt ihr über jedes Buch? Habt ihr Besprechungen zu fragwürdigen Büchern gelesen oder verfasst? Wie würdet ihr reagieren, wenn ich hier ein Buch von einem Nazi, Linksradikalen, Frauenfeind oder aus einem vergleichbaren Lager besprechen würde?

13 Kommentare

  1. Hi Tobi,

    ganz grundsätzlich stimme ich dir erst mal zu: Das hier ist dein Blog und da kannst du schreiben, was immer du möchtest.

    Und gerade weil das so ist, stimme ich dem Rest nicht vollumfänglich zu. 😉 Insbesondere, wenn es um die Ausformulierung der Überschrift geht. Wenn man nämlich die These aufstellt dass man „nicht über alle Bücher bloggen kann“, dann hat das für mich so ein bisschen was von dem mittlerweile allgegenwärtigen „Man darf aber auch gar nichts mehr sagen!“ Und für beides gilt eben: Doch, natürlich ‚kann‘ man, und natürlich ‚darf‘ man.

    Nur ist es eben selbstverständlich, dass es Reaktionen erzeugen bzw. Folgen haben kann, wenn man das dann tut. Die datenschutzrechtlichen würde ich dabei persönlich noch vernachlässigen. Ich für mich finde beispielsweise schlimmer, dass Meta meine Telefonnummer hat – obwohl ich noch nie in meinem Leben Facebook oder WhatsApp benutzt habe -, nur weil ich bei anderen Nutzern der entsprechenden Plattformen im Telefonbuch stehe, als dass eine potenzielle KI Infos über mich sammeln könnte, aus Beiträgen, die ich ja eben aus eigenem Antrieb veröffentliche.

    Was die „politisch inkorrekten Bücher“ angeht, so kann ich verstehen, dass man verzichtet, darüber zu schreiben. Wenn man aber einerseits anerkennt, dass bloggen nicht im luftleeren Raum stattfindet – es sei denn, man stellt seinen Blog auf privat und die Kommentarfunktion aus -, und man andererseits ohnehin nur „sehr eingeschränkt eine Diskurs“ sucht, stellt sich für mich die Frage, warum man dann auch darüber schreiben wollen sollte!?

    Ich persönlich möchte mit dem, was ich schreibe, immer auch wieder mal Reaktionen und Meinungsäußerungen hervorrufen. Nichts finde ich langweiliger – und frustrierender – als einen Beitrag, der nur mit ein paar „zur Kenntnis genommen“-Likes einfach so versandet.

    Nun stellt sich die Frage, wie die Reaktionen innerhalb der Blogosphäre auf solche Bücher bzw. Beiträge wohl wären. Ich gebe dir insofern recht, dass die Debattenkultur hierzulande vielleicht noch nicht ganz tot ist, zumindest aber schon mal schwer verletzt am Straßenrand liegt.

    Demgegenüber finde ich den Ton innerhalb der Buch-Blogosphäre manchmal aber schon als fast übertrieben freundlich und rücksichtsvoll.

    Ob das im Falle einer Rezension über besagte „politisch inkorrekte Bücher“ auch so wäre, weiß ich nicht, aber einerseits vorauszusetzen, dass ein Diskurs „hierzulande ohnehin nicht mehr sachlich geführt wird“ und andererseits anzuführen, dass man an selbigem ja ohnehin nur „sehr eingeschränkt“ interessiert sei, passt aus meiner Sicht recht schwierig zusammen, wenn du verstehst, was ich meine. Ein sinngemäßes „Mit euch kann man nicht darüber reden, und selbst wenn man könnte, würde ich nicht wollen!“ nimmt dem potenziellen Gegenüber jede Gelegenheit, vielleicht doch konstruktiv drüber zu diskutieren. In dem Zusammenhang finde ich, um ehrlich zu sein, auch die pauschal unterstellte „Ideologie“ schwierig, allerdings eher wegen der mittlerweile negativen Totschlags-Konnotation des Begriffs.

    Der langen Rede kurzer Sinn: Ich finde also, dass man durchaus ‚kann“, halte es aber für absolut legitim, wenn man aus verschiedensten Gründen nicht ‚will‘ Erst im letzten Jahr habe ich beispielsweise eine Lektüre begonnen, die mich zwischenzeitlich irritierte, weil sie irgendwann einen kaum verhohlenen EU-kritischen bis zuweilen fremdenfeindlichen Unterton oder Subtext bekam. Eine kurze Recherche ergab, dass ich – wie auch immer – an ein Buch eines Autors geraten bin, der zuweilen beim Herrn Kubitschek publiziert. Dann habe ich die Lektüre umgehend eingestellt, und mich geärgert, dass der Herr an mir noch Geld verdient hat. Darüber hab ich dann dementsprechend auch nicht geschrieben. Nur eben, weil ich nicht wollte, nicht weil ich nicht gekonnt hätte. Weil ich nicht die Bühne sein wollte, auf den solche Bücher und Menschen gehoben werden. Ich muss hinter dem stehen, was ich schreibe. Und dann tue ich das, auch wenn das manchmal Folgen hat. Irgendwann in den letzten Jahren trudelte – sicherlich als Folge meines Blogschaffens – mal rassistische bis volksverhetzende Post in meinem Briefkasten ein. Ein unangenehmes Gefühl, kann ich versichern. Aber davon lasse ich mich in der Freiheit meiner Beiträge nicht einschränken. 😉

    Liebe Grüße

    Frank

    1. Lieber Frank,

      vielen lieben Dank für Deinen Kommentar und Deine interessanten Anmerkungen. Im Leben gibt es ja nichts umsonst und alles hat seinen Preis. Es ist also ein Tradeoff, worüber man als Blogger schreibt und was es einen kostet und was man damit gewinnt. Es ist so wie ich geschrieben habe, dass für mich Lesen natürlich auch politische Bildung bedeutet. Aber nicht hauptsächlich und entsprechend möchte ich das Thema nur untergeordnet in diesen Blog einbringen. Es ist für mich eindeutig, dass der Preis freier Meinungsäußerung gestiegen ist, sobald es dem derzeit vorherrschenden Weltbild der Gesellschaft nicht entspricht. Das kann niemand abstreiten und ganz schnell gilt man als „rechts“ und das ist dieser Tage das problematische Totschlagargument, das man leider sehr schnell zu hören bekommt. Unbestreitbar kann man natürlich über alles schreiben und sich frei äußern und das ist für mich eines der wichtigsten Werte in unserer Gesellschaft. Aber bleibt es folgenlos? Es ist so, wie ich geschrieben habe, dass mich ChatGPT im Bing Chat schon kennt. Was ist, wenn ich nun beispielsweise das erwähnte Buch von Sarrazin besprechen würde (tatsächlich habe ich von ihm noch nichts gelesen und das schon lange auf der Liste). Und angenommen ich stimme ihn in einigen seiner Thesen zu. Diese Information und vielleicht auch das, was sich daraus mittels big data über meine Person ableiten lässt, worüber ich mir selbst aber gar nicht klar bin, könnte (und das ist gar nicht abwegig) in ein künftiges Bewerbungsverfahren einfließen. Dann wäre der Preis sehr hoch. Was gewinne ich aber damit?

      Ich sehe es wie Du, immer wieder bringe ich Themen, mit denen ich Reaktionen hervorbringen und Diskussionen anstoßen möchte. Da gab es auch schon einige Beiträge, auf denen viel diskutiert wurde. Dennoch bin ich sehr vorsichtig. Und klar, es ist auch so, dass ich nicht den Wunsch habe, zahlreiche heftige Diskussionen zu führen, was zwangsläufig das Ergebnis ist, um so stärker die Literatur sich vom gesellschaftlichen Konsens entfernt. Die Antwort bewegt sich also irgendwo zwischen „Mit euch kann man nicht darüber reden, und selbst wenn man könnte, würde ich nicht wollen!“ und „Lasst uns über jedes Thema diskutieren, mit euch kann ich über alles reden“.

      Für mich ist die Ursache für den übertrieben freundlichen und rücksichtsvollen Ton der Buchblogsphäre völlig eindeutig: Hier bewegt man sich in einem ideologisch völlig homogenen Umfeld. Das wird sehr deutlich, wenn man den Buchbloggern etwas intensiver in Social Media folgt.

      Tatsächlich habe ich aber auch festgestellt, dass gerade im Buchbloggerumfeld man nur sehr ungern das eigene Umfeld, das stark von Zustimmung geprägt ist, verlassen möchte. Ich habe einmal einen kontroversen Beitrag über die doch häufig sehr niedrige Qualität der Buchbloggerbeiträge geschrieben. Hier auf meinem Blog hat niemand die Diskussion gesucht, auch nicht in Social Media (mit mir oder mit meinem User referenziert), wo ich grundsätzlich auch verfügbar bin. Stattdessen gab es einen kleinen Shitstorm auf X und man hat da, in der Kürze des Formats, abfällig geäußert und war ganz weit weg von einer differenzierten Diskussion. Und tatsächlich kam damals auch wieder ganz schnell das Totschlagargument, ich wäre rechts, was angesichts des diskutierten Themas echt weit hergeholt war.

      Zu Deiner Lektüre von dem „EU-kritischen bis zuweilen fremdenfeindlichen“ Buch, dass Du sozusagen sofort von Dir gestoßen hast, als Du festgestellt hast, dass es so gar nicht Deinem Weltbild entspricht. Ist das nicht schade? Ist das richtig, die Augen vor allen Andersdenkenden zu verschließen? Klar, man sucht jetzt keine Literatur, die für einem selbst völlig absurd ist, aber gerade bei diesen Themen ist es doch auch völlig okay und gut, zu lesen, was man selbst völlig anders sieht. Ich mache das immer wieder und finde das sehr wertvoll.

      Frank, vielen lieben Dank für Deinen Kommentar und Deine Gedanken. Einen Austausch dieser Art finde ich extrem wertvoll.

      Liebe Grüße
      Tobi

  2. Hallo Tobi,
    aus deinem Beitrag wird deutlich, wie wichtig es ist, sich der möglichen Auswirkungen seiner öffentlichen Worte bewusst zu werden.
    Das gilt auch für die Überschrift. Schließlich zeigen deine Worte, was DU über unsere Gesellschaft aussagst und wie deine aktuelle Einstellung zum Bücherbloggen ist. Für valide Aussagen über unsere Gesellschaft braucht es dann doch eher repräsentative Studien, bei deren Interpretation sich nicht mal Sozialwissenschaftler immer einig sind. Dennoch denke ich, dass Du auch diese Überschrift bewusst gewählt hast. Da es sich im Beitrag scheinbar um das Große und Ganze handelt, erhält er dadurch mehr Aufmerksamkeit, deine Website mehr Aufrufe, usw.
    Du kennst ja das Spiel.
    Ansonsten hat ja schon Kommentator Frank persönlich und differenziert geschildert, wie er deinen Beitrag auffasst und zur „Buch-Blogosphäre“ steht.
    Da kannst du bestimmt einiges von mitnehmen.

    Lieben Gruß
    Andrea

    1. Liebe Andrea,

      vielen Dank für Deinen Kommentar. Und er ist für mich sehr aufschlussreich, denn Du störst Dich ganz offensichtlich an diesem wunderbaren Titel von meinem Beitrag. Tatsächlich habe ich ihn mir nicht selbst ausgedacht, sondern von ChatGPT generieren lassen. Ich hab meinen Artikel eingegeben und nach einem möglichst reißerischen Titel gefragt. Und ich muss sagen, wenn ich mir die Klickzahlen anschaue, dann hat ChatGPT einmal mehr gezeigt, dass es richtig liegt. Mich erinnert der Titel auch stark an die zahlreichen Nachrichtenüberschriften, ganz im Stile von „‚Und dann haben wir einen dritten Weltkrieg'“ und alle Leute klicken den Beitrag an, weil jeder will ja wissen, ob es nun wirklich einen dritten Weltkrieg gibt und am Ende ist es wieder nur irgendein aus dem Kontext gerissener Kommentar.
      Tatsächlich lasse ich die Antwort auf die Frage in diesem Beitrag ganz bewusst offen.

      Ich muss Dir auch sagen, dass genau das, was in Deinem Kommentar zum Ausdruck kommt, das ist, was ich an der derzeitigen Debattenkultur sehr problematisch finde. „Da kannst du bestimmt einiges von mitnehmen.“ hat eine sehr herablassende Konnotation. Frank schreibt die Wahrheit, Du kennst ebenfalls diese einzig wahre Wahrheit und hoffst, dass ich sie nun auch endlich verstehe. Man ist hierzulande ja scheinbar zutiefst überzeugt davon, dass die eigene Sicht auf die Dinge die einzig Richtige ist und von dem Standpunkt aus, versucht man die ganze Welt eines Besseren zu belehren.

      Liebe Grüße
      Tobi

      1. Lieber Tobi,
        es tut mir leid, dass Du „Da kannst du bestimmt einiges von mitnehmen“ als herablassend empfindest. Sorry dafür. Ich wollte nur nicht alles wiederholen, was Frank schon so gut ausgedrückt hat.
        Und weder Frank noch ich kennen „diese einzig wahre Wahrheit“. Die ständige Verwendung von bestimmten Artikeln wie „die“ Wahrheit, „die derzeitige Debattenkultur“, „die Gesellschaft“ usw. versuche ich zu vermeiden, weil sie einfach nicht differenziert genug ist. Ich verfasse meine Kommentare, Beiträge und Überschriften auch alle selbst, kann ich doch sehr gut damit leben, dass auf meinem Blog eher weniger kommentiert wird. Und auch auf Kommentare eines Herrn Kellerwessel kann ich auf meinem Blog gerne verzichten. Nicht, dass ich ihn nicht veröffentlicht hätte, aber sowas kann ja dann auch nicht unbeantwortet da stehen bleiben. Das hat ja dankenswerterweise Frank auch wieder mit viel Humor gemacht.
        Schade, dass aus Deinem Beitrag und vor allem aus Deinen Antworten auch ein wenig Verbitterung spricht (jedenfalls kommt es MIR beim Lesen so vor).
        Wieder mehr Spaß beim bloggen wünscht Dir
        Andrea

  3. Lieber Tobi, mit diesem Beitrag hast Du mir in vielen Dingen aus dem Herzen gesprochen, dank!!!
    Die Außenwahrnehmung des Blogs, oh ja! Wie oft habe ich überlegt, schreibe ich das jetzt so, oder stoße ich jetzt damit einem meiner Freunde vor den Kopf?
    Insbesondere bei Sachbüchern frage ich mich: Soll ich oder soll ich nicht – das renzensieren?
    Ich denke, dass diese »Schere im Kopf« in den letzten 10 Jahren massiv gewachsen ist. In erster Linie weil öffentlich Diskussionen massiv moralisiert werden, wie Michael Lüders es in seinem Buch »Moral über alles« wunderbar deutlich macht.
    Zweifel am Ukraine Krieg? Putinversteher!
    Skepsis zur Corona-Impfung? Querdenker!
    Verständnis für »Die letzte Generation vor den Kipppunkten«? Geht gar nicht!
    In allen Fällen werden mit tief moralischen Werturteilen unterschiedliche Meinungen von vornherein so weitgehend verdammt, dass ein Nachdenken, eine Debatte über vom Mainstream abweichende Meinungen meist im Keim erstickt werden.
    Das geht soweit, dass wir zwei langjährige enge Freunde ob des heute durchmoralisierten völlig vergifteten Diskussionsklimas verloren haben. Also selbst in diesem Bereich ist das keineswegs unproblematisch!
    Ich bin dankenswerterweise im Rentnerdasein , als ich´s noch nicht war, habe ich mir genau überlegt, könnte ich damit einem (potentiellen) Kunden vor den Kopf stoßen (ich war selbstständig).
    Was ist mit politisch inkorrekten Büchern, »extremistischen« Inhalten fragst Du?
    Schon in dieser Frage liegt für mich ein Fehler weil mit dem Begriff »extremistisch« ausgegrenzt, moralisch verurteilt wird, jegliche inhaltliche Auseinandersetzung von vornherein schwer belastet wird.
    Du sagst sehr richtig, es gäbe einen »Kosmos der Vielleser, Verlage, Buchblogger und buchbegeisterten Menschen, eine vorherrschende Ideologie.« Oder anders gesagt, es herrscht längst eine Cancel Culture! Wollen wir als Blogger das ernsthaft unterstützen, z.B. durch Selbstzensur?

    Weiter sagst Du: »Meine Wahrnehmung ist, dass nur sehr oberflächlich und wenig differenziert und möglichst schnell stigmatisiert wird. « Genau so ist es und obwohl es mir auf der Seele brennt, habe ich deswegen bewusst vermieden zu Themen wie »Ukraine« oder »Palästina/Gaza« etwas zu schreiben – ist das nicht schrecklich?
    Und das obwohl wir (also Margret und ich) ökonomisch völlig unabhängig sind.

    Und nein, ich schreibe nicht über jedes Buch. Bisher habe ich z.B. die wirklich wichtigen Romane von Aksel Sandemose nicht rezensiert. Diese Bücher setzen so viel voraus über skandinavische Literatur, Psychologie, Religion, Sexualität und Herrschaft. Gerade die Rezension solch tiefgehender Bücher verrät aber auch sehr viel über einen selbst, will ich das überhaupt?
    Und: Ich müsste einfach zu viel, zu umfangreich schreiben, um wirklich Verständnis für das Buch zu wecken.
    Genau das ist mir bei der Rezension von Sarah Wagenknecht »Die Selbstgerechten« passiert. Obwohl ich mir viel Mühe gegeben haben, pro und Kontra beleuchtet habe auf rund 17 Seiten. Es gehört nicht gerade zu den meistgelesenen Beiträgen unseres Blogs, »da muß man ja so viel srcollen« lautete die Kritik einer Freundin….
    Und aus meiner Sicht: Mach Dir keine Sorgen über die Rezension von »fragwürdigen« Büchern. Trau Dich einfach, man kennt Dich doch und wird das einzuordnen wissen!
    Entschuldige die Länge, aber dieser Dein Beitrag hat mich gepackt!

    1. Bei allem Verständnis für die Kritik an der Debattenkultur, die äußere ich ja auch, aber wenn man sagt „In allen Fällen werden mit tief moralischen Werturteilen unterschiedliche Meinungen von vornherein so weitgehend verdammt, dass ein Nachdenken, eine Debatte über vom Mainstream abweichende Meinungen meist im Keim erstickt werden.“, dann trägt man seinerseits aus meiner Sicht zusätzlich zum schlechten Zustand der Debattenkultur bei.

      Denn diese Behauptung ist viel einfacher, als den Versuch des Gegenbeweises anzutreten. Stattdessen unterstellt man pauschal der Gegenseite, nicht am Diskurs interessiert zu sein. Exakt deswegen – und weil wir immer auf die lautesten, aggressivsten Stimmen, auch und gerade aus dem Social-Media-Bereich, hören – ist die Debattenkultur heute so, wie sie eben ist.

      Die Behauptung ist zudem im Kern ein ähnliches Totschlag-Argument, wie es in Form der „Putinversteher“ oder „Querdenker“-Vorwürfe im Kommentar geäußert wird.

      Daran ändert sich auch nichts, wenn sich die einen in ihre Opferrolle verziehen und es sich die anderen auf ihrem moralischen Podest gemütlich machen. Zu ersterer gehört dann auch, eine „cancel culture“ zu unterstellen, die es so nicht gibt. Was es gibt. ist eine Gesellschaft – auch in der kleinen Welt der Bloggerinnen und Blogger -, in der gewisse Meinungen nicht mehr unbedingt mehrheitsfähig sind. Solche Meinungen gab es aber immer. Das Problem liegt meines Erachtens darin, dass die Menschen heuzutage immer weniger in der Lage sind, auch mal Widerstand gegen ihre Meinung auszuhalten.

      Der langen Rede kurzer Sinn: Ich persönlich hätte überhaupt kein Problem damit, wenn jemand ein Buch von Sahra Wagenknecht rezensiert. Ob das dann 17 Seiten umfassen muss, muss jeder selbst wissen. 😉 Man muss eben nur, wenn man das tut, ggf. damit leben, dass Leserinnen und Leser ankommen und kundtun, dass sie das aus diesem oder jenem Grund nicht gut finden. Das ist dann aber deren gutes Recht und vielmehr Ausdruck einer funktionierenden Meinungsfreiheit und nicht von „cancel culture“.

    2. Lieber Michael,

      herzlichen Dank für Deine Gedanken und auch die Zustimmung. Unser Empfinden ist da sehr ähnlich. Es ist so, wie Du aus Deiner Zeit der Selbstständigkeit schilderst: Was für Konsequenzen hat das Geschriebene. Immerhin ist es öffentlich einsehbar. Beispielsweise für eine mögliche künftige Bewerbung. Arbeitgeber werden natürlich nach mir im Internet suchen und vermutlich bald auch über eine KI Informationen einholen. Wenn sich nun herausstellt, dass meine Einstellung nicht mit der vorherrschenden Meinung der Gesellschaft und des Unternehmens übereinstimmt? Was ist, wenn die staatliche Kontrolle weiter ausgebaut wird?

      Es ist auch tröstend zu sehen, dass sich auch andere Blogger um diese Fragen Gedanken machen. Ich sehe, dass manche politischen und gesellschaftlichen Fragen immer erbitterter und unnachgiebiger diskutiert werden. Was Du über Deine Freunde schreibst, die Du aufgrund von Differenzen der politischen Ansichten verloren hast, dann ist sowas einfach extrem schade.

      Vielen lieben Dank für Deine Worte.
      Herzliche Grüße
      Tobi

  4. Wenn ich ein blogger wäre, wuerde ich auch heute ueber alle Buecher schreiben, so ehrlich (also furchtlos) wie möglich. In den Jahren vor der „cancel culture“ war dies risikolos möglich, und ich hoffe die derzeitige Periode des internet-Schnueffelns und des Hasses auf selbständig denkende Menschen wird voruebergehen.
    Ich wuerde uebrigens gerne einen Lesekreis fuer ältere Buecherschrank-Buecher (also aktuell nicht gesinnungskonforme) ins Leben rufen und anhand dieser die entsprechenden Fragen diskutieren (Was genau bedeuten die Gesinnungs-Schlagworte „Feminismus“, „Antifaschismus“ etc.? Warum ist Feminismus etc. gut? …)

    1. Also, da muss ich, bei allem gebührenden Respekt, mal einhaken, denn vielleicht sollte man die Kirche auch mal im Dorf lassen.

      Natürlich ist es auch heute noch möglich, „risikolos“ über Bücher zu schreiben. Es ist ja nun nicht so, als würde mir ein KSK die Tür eintreten, nur weil ich vielleicht die Machwerke von Sarrazin positiv bespreche. Das einzige „Risiko“, das diesbezüglich besteht, ist, dass Leserinnen und Leser meines Blogs mir kundtun würden, dass sie das nicht gut finden. Und das wäre auch völlig legitim, weil Meinungsfreiheit nicht nur in eine Richtung funktioniert.

      Es gibt auch keine „cancel culture“ hierzulande. Es gibt nur Denk- und Verhaltensweisen, die heute gesellschaftlich weniger anerkannt sind als früher. Als Teil einer gesellschaftlichen Entwicklung halte ich das für völlig normal. Es brüllt ja auch niemand etwas von „cancel culture“, „Bevormundung“ oder „Einschränkung meiner persönlichen Freiheit“, nur weil wir gesellschaftlich mittlerweile davon Abstand genommen haben, jeden zweiten Dienstag bei Bratwurst und Kaltgetränken eine Rothaarige auf dem Dorfplatz zu verbrennen. Wobei – wahrscheinlich gibt es sogar ein paar, die auch das tun würden.

      Es gibt auch keinen „Hass auf selbständig denkende Menschen“. Was es dagegen gibt, ist eine bemerkenswert ausgeprägte Opferrolle vieler dieser „selbständig denkenden Menschen“. Und nur weil man sich selbst und seine Bubble als „selbständig denknden Menschen“ wahrnimmt, muss die Mehrheitsgesellschaft das nicht auch tun und diese kann das dann auch dementsprechend äußern. Da sind wir dann wieder bei der nicht nur in eine Richtung funktionierenden Meinungsfreiheit.

      Ach, und abschließend: „Feminismus“ und „Antifaschismus“ sind keine „Gesinnungsschlagworte“, sondern sollten Selbstverständlichkeiten in einer nicht rückwärtsgewandten Gesellschaft sein. Und um zu erfahren, warum Feminismus in gewissem Grad gut ist, braucht man übrigens nur Frauen fragen. Da sind welche dabei, die das erklären können.

  5. Lieber Tobi,

    damit hast du gerade einen Nerv getroffen, der für mich schon länger in der Gesellschaft mitschwingt. Es wird zwar gesagt: man darf und soll über alles reden. Wenn man es aber macht, hat man teilweise ganz schön zu kämpfen…
    Mittlerweile halte ich mich da tatsächlich raus (nicht im privaten), aber eben auf dem Blog oder den social medias, weil man ganz genau weiß, wie schnell es gehen kann, dass hier Missverständnisse aufkommen.

    Ich lese an sich keine Bücher, die du genannt hast und die in sehr kontroverse Richtungen gehen, aber es genügt ja mittlerweile schon, wenn der Autor irgendwie in Misskredit ist – und auch wenn ich selber da teilweise auch nicht mitgehe, möchte ich die Bücher / Geschichten nicht missen, weil sie mir einfach gefallen. Und die bespreche ich dann auch.
    Wenn in Büchern fragwürdige Themen vorkommen spreche ich diese in der Rezension schon an, aber nicht immer und bin da auch sehr vorsichtig geworden, wie ich mich dazu ausdrücke. Alles was wir schreiben steht nunmal im Netz und bleibt auch da… alles ist gespeichert und ja, ich möchte tatsächlich nicht wissen, was ein Programm alles über mich ausspuckt, was sämtliche Texte und Kommentare von mir analysiert ^^ Aber der Zug ist abgefahren, mein digitaler Fußabdruck besteht, aber dennoch halte ich mich immer wieder zurück. Diese Entwicklung ist extrem schade, aber ich wüsste auch nicht, wie diese wieder umzukehren wäre…

    Vielen Dank für den tollen Beitrag von dir!

    Liebste Grüße, Aleshanee

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